von Fans für Fans

96 Minutes

Wer auf angeborene Dummheit steht, wird hier wahrscheins ein Meisterwerk vorfinden

von Sidschei
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Doch für mich gilt: Es gibt Dinge, die ich in einem Film, welcher selbst ein ernstgemeintes Drama darstellen soll, zu keinem Zeitpunkt akzeptieren kann.
1) Wenn die Handlung selbst nur aus der Dummheit der hauptdarstellenden Person oder Personen generiert wird!
Ja. Es stimmt schon: Unsere Gesellschaft wird stellenweise wirklich immer dümmer und ich stelle nicht mal in Frage, dass dies ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Entwicklung darstellt. Aber dennoch: Ich rege mich über die unerträgliche Dummheit mancher Artgenossen, deren eigener IQ teils nicht den meiner Zehenspitze zu erreichen scheint, genügend auf. Warum in aller Welt soll ich mir dann auch noch einen Film anschauen, der durch solch eine Verhaltensweise "Drama" erzeugen will? Sorry, das funktioniert bei mir einfach nicht, denn das nötige Mitgefühl für die entsprechenden Personen und ihr Schicksal, welches ein Drama nun mal zwingend benötigt, kommt dann einfach nicht bei mir auf.
2) Möchtegern-Gangsta "Ich-bin-ja-so-cool-scheisse-auf-alles-und-keiner-auf-der-Welt-kann-mir-was" und pseudocoole "Yo-man-hey-man-Brother-Motherfucker"-HipHop-Jugendliche, die meistens als Unterkategorie zu Punkt 1 auftreten und deren Wortschatz nur selten mehr als gerade genannte 6 Worte zuzüglich aller Variationen von "Fuck" in 20facher Ausführung eines 19 Worte langen Satzes beinhaltet.
3) Kamerastative, bei denen offensichtlich eine Schraube locker war und trotz eigentlich statischer Kameraführung ein permanentes Wackeln und Kreisen auf der Leinwand generiert wird. Dieser völlig unnütze Effekt treibt mich einfach in den Wahnsinn.

Jeder, der mit diesen 3 Punkten nicht solche Probleme hat wie ich, den heisse ich nun bei "96 Minutes" willkommen, einem weiteren Beitrag aus dem diesjährigen FantasyFilmFest-Programm, der exakt diese eben aufgeführten 3 Attribute perfekt ineinander vereint und damit bei mir zu keinem Zeitpunkt auch nur den Hauch einer Chance hatte, irgendwie in seinem Verlauf zu punkten.

In Rückblicken episodenhaft dargestellt, versuchen die Macher von 96 Minutes uns ihre Charaktere und Schicksale nahezubringen, was bei mir leider nur mäßig bis überhaupt nicht funktioniert hat. Ok, zugegeben: Der Versuch ist bemüht ambitioniert und kann bei geneigten Sehern tatsächlich zum Erfolg führen, wenn die schicksalhaften Entwicklungen unserer Protagonisten Stück für Stück offenbart werden. Begleitet von einer andauernd dezent rumzappelnden Kamera jedoch erzielt es bei mir keinen Erfolg, wenn man mir weiß machen will, dass die mit Löffeln gefressene Dummheit der beiden männlichen Charaktere zu bemitleiden wäre. Sie Opfer ihres Umfeldes wären und nichts für ihr jämmerliches Dasein könnten. Der Film versucht genau dies zu vermitteln, beisst damit bei mir aber eben wegen in Punkt 1 aufgeführter NoGos sowas von auf Granit, dass ich ihn einfach nicht mehr ernst nehmen kann. Na gut, zugegeben: Ein wenig tue ich den beiden männlichen Idioten damit unrecht, denn eigentlich betrifft diese Eigenschaft nur den mit der Intelligenz einer Kloschüssel ausgestatteten Charakter Kevin, der so gerne in die coole Gangsterclique seines Cousins aufgenommen werden möchte und sein Hirn offensichtlich irgendwo beim Austritt des mütterlichen Geburtskanals an die Eierstöcke gehängt hat. Auch wenn 96 Minutes versucht, anderes zu suggerieren, so rechtfertigt sein gezeigtes Umfeld keinesfalls die Dümmlichkeit in den folgenden Handlungen. Stichwort: Öffentliches Telefon und Tankstellenbesuch. Geht es eigentlich noch dümmer, wenn man sich eigentlich unauffällig verhalten sollte?

Etwas mehr Grips muss man da schon seinem Weggefährten Dre zusprechen, der das dümmliche Verhalten seines idiotischen Cousins und Freundes zwar auf den Punkt genau analysieren und kritisieren kann... selbst aber aus irgendwelchen Gründen nicht in der Lage ist, dann auch dementsprechend korrekt zu handeln und zu agieren. Die bemühten Versuche des Filmes, dies auf die innige Verbindung der beiden zu beziehen, kann ich zwar durchaus nachvollziehen, aber ob des dargestellten Charakters von Dre einfach nur kopfschüttelnd als nicht minder große, vorhandene Dummheit empfinden, die jegliches Mitleid und Mitempfinden in mir zerstört und im Keime ersticken lässt. Stresssituation hin, Stresssituation her. Fehler macht jeder mal, keine Frage. Aber wie man so doof sein kann, das fehlerhafte Verhalten perfekt zu analysieren und selbst noch dümmer zu handeln, bleibt mir ein Rätsel. Und auch hier punktet 96 Minutes bei mir keinesfalls damit, mir Dre als Opfer seines Umfelds darzustellen, auch wenn sich der Film wirklich sehr bemüht, dies zu vermitteln.

Nun treffen diese beiden Charaktere aufeinander und müssen, begleitet von unerträglichem "ich bin so cool und lass mir nichts sagen"-Gefasel, eine brenzlige Situation lösen... und spätestens hier verspielt der an sich bemühte Film bei mir jeglichen Bonus, wenn ich den starr agierenden Darstellern bei ihren nicht enden wollenden, dummen Gesprächen und Handlungen zuschauen muss. Nein, sorry, ich kann es nicht ertragen, ich will es nicht ertragen und ich ertrage es auch nicht!

Ein klein wenig Mitleid verstand der Film bei mir bezüglich der 2 Mädels dann durchaus zu erzeugen. Aber auch nur in marginalstem Zustand, wurde ich auch hier mit den aufgezeigten Handlungssträngen einfach nur genervt, die wirklich nur eines verdienen lassen: Nämlich eine unerträgliche Folter und den langsamen, aber dahinschleichenden Tod! Schade, dass der Film dramatisch sein will und keine Ambitionen hat, ein quälendes Torture-Porn-Filmchen zu werden. Dann hätte ich vielleicht noch Spaß daran gehabt.

So kommt, was eben kommen muss und der Film steigert sich in seiner Erzählweise dem großen, tragischen Ende zu. Juchu! Endlich erlöst und teilweise schon wirklich in einer perfiden Bosheit realisiert. Doch auch hier spart der Film dann nicht mit plakativer Plattheit an Sozialkritik und setzt seiner bis dahin verkrampften Zeigefingerdramatik die Krone auf, die man sich einfach und besser hätte sparen können und die sich - zumindest in meinen Augen - als einfach nur unnötig erweist.

Hätte ich mit den Figuren nun auch nur irgendwie eine gewisse Sympathie aufbauen können, dann müsste ich nun zugeben, dass das Ende wirklich einen guten Schlusspunkt zu setzen verstand. Doch leider konnte ich das ja nicht. Denn wir erinnern uns: Wie soll ich Mitgefühl oder große Dramatik empfinden, wenn ich nur eines immer und immer wieder denke: "Sowas von selber Schuld und definitiv nicht anders verdient!" Hirn rechtzeitig einschalten hätte da echt viel geholfen.

Hinzu gesellt sich dann abschließend noch der Umstand, dass 96 Minutes hier einen riesigen, dramaturgischen Fehler begeht und seinen Zuseher in einem extrem wichtigen Punkt völlig im Unklaren lässt! War er sich kurz zuvor nicht zu schade, der Ansammlung von plakativen Sozialkritik-Plumpheiten immer und immer noch einen drauf zu setzen, versäumt er es am Ende dann ausgerechnet gekonnt, eine soziale Komponente des Filmes wenigstens kurz zu beleuchten. Leider kann ich sie hier nicht näher benennen, da es sonst ein riesiger Spoiler wäre *g* Dennoch, liebe Macher: Ganz, ganz hervorragend (Scheiße) gemacht und ich kann nicht aufhören, mit völligem Unverständnis über dieses Machwerk verzweifelt meinen Kopf zu schütteln.

Die 2 an sich einzigen positiven Elemente des Films, die er mir zu vermitteln verstand, können dies dann auch alles nicht mehr ändern. Dennoch muss ich zugeben, dass ich so manche Schnitt- und Regietechnik (abgesehen von dem nervenden Gewackel) sehr bemüht und interessant fand und gerade der Einsatz des Soundtracks mir durchaus zu gefallen verstand. Denn dieser läuft große Teile des Films im Hintergrund und setzt oftmals nur für gezielte Momente aus. Ein stilistischer Effekt, der mir schon bei den alten Carpenter-Filmen immer extrem gut zu gefallen verstand und der auch hier eine gewisse Wirkung zu erzielen versteht. Denn spätestens dann, wenn man gar nicht mehr registriert, dass die seichte Hintergrundmusik gerade am dudeln ist, hat sie ihre effektvolle Platzierung in allen Punkten richtig gemacht.

Fazit:
Jeder, der meine Worte und Einlassungen hier nun gelesen hat, dem sollte durchaus klar werden, warum ich den Film nicht leiden konnte. Also kann damit auch jeder abschätzen, ob der Film etwas für ihn ist oder nicht. Ich spreche 96 Minutes keinesfalls ab, dass er seine Fans finden kann, die an ihm Gefallen finden. Grundvoraussetzung ist halt nur, dass man sich über die oben aufgeführten 3 Punkte nicht so aufregt wie ich. Dann kann selbst 96 Minutes wirklich dramatische Momente und eine Betroffenheit beim Seher erzeugen, die bei mir einfach nicht funktioniert haben. Dass das Ganze dann auch wirklich noch auf wahren Begebenheiten basieren soll, unterstreicht meine natürliche Abneigung gegen die Dummheit so mancher Mitmenschen einfach noch zusätzlich und führt mich wieder zu oben aufgeführten Punkten 1 & 2. Einfach nur eines: Unfassbar!

Bevor ich selbst mir dieses für mich unerträgliche Stück Film nochmal anschauen würde, würde ich lieber zu den thematisch teils ähnlichen 11:14 oder L.A. Crash greifen. Während ersterer eher mit seinen komödiantischen Elementen im Episodenbereich zu punkten versteht, erreicht zweiterer wenigstens gekonnt das, was ich hier so vermisst habe: Er konnte mich als Zuseher in seinen Bann ziehen und irgendwie mitleiden lassen. Denn was dort geschah, das war wirklich unausweichlich und dramatisch.

Nein, das war wirklich und absolut nichts für mich!
2/10 Dummheiten

PS: Die FFF-Beschreibung ist wieder grandios und völlig daneben: Keine Sekunde Zeit zum Luftholen? Naja. Dieser Film ist eher langsam, ruhig und behutsam erzählt. ;)
Sidschei

29.08.2012, 10:27


Review

von Francis
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96 Minuten, die das Leben vieler Menschen grundlegend verändern ...
Dre, ein Junge aus einem Problemviertel steht kurz vor seinem Highschool Abschluss. Hin- und hergerissen zwischen seiner Freundin, dem bevorstehenden Studium, einem besseren Leben und seinen Freunden aus der Nachbarschaft, trifft er in diesen Minuten einfach zu viele falsche Entscheidungen.
In etlichen Rückblenden aus verschiedenen Perspektiven der Beteiligten erzählt dieses Spielfilmdebüt eine ernste und äußerst tragische Geschichte.
Nicht gut angekommen sind bei mir die doch zu häufig genutzten Klischees und das bittere Ende.
Francis
sah diesen Film im Cinestar, Berlin - Original-Review

11.12.2012, 23:11




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