crazy

Archive

Wuchtiges und emotionales SciFi-Drama

von Alexander
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Gute Science Fiction – Filme sind rar gesät, weshalb man sich als alter Fan natürlich besonders freut, wenn endlich mal wieder ein interessanter Vertreter des Genres auf dem Fantasy Filmfest gezeigt wird.

„Archive“ vermischt dabei einige vielleicht bereits bekannte Zutaten zu einer neuen, interessanten Geschichte. Ein Wissenschaftler, der in einem geheimen Hightech-Labor in der Abgeschiedenheit der Berge an einem Projekt für künstliche Intelligenz arbeitet. Liebenswerte Roboter, denen eine eigene Seele anheim zu sein scheint. Eine düstere Geheimorganisation, die wie ein Raubvogel als eine nie ganz zu begreifende Bedrohung über allem schwebt... Dazu ein feinstofflich in die Story eingewobenes Drama über den Verlust eines geliebten Menschen.

Der Film ist spannend, arbeitet geschickt mit Erinnerungen und Rückblenden, und hält das Interesse des Zuschauers über die gesamte Spielzeit hellwach, da seine tiefer liegenden Geheimnisse nur langsam entblättert und dramaturgisch geschickt erzählt werden. Dazu gibt es einige der vielleicht emotionalsten SciFi-Momente seit „Silent Running“, und wer schon die kleinen Roboter dieses Kult-Klassikers in sein Herz geschlossen hatte, oder an Filmen wie dem „Bicentennial Man“ Freude hatte, wird „Archive“ bestimmt lieben.

Auch wirft der Film viele Fragen auf, wie weit es ethisch vertretbar ist, künstliches Leben zu schaffen und welche Konsequenzen dies haben könnte. Als aufmerksamer Beobachter der aktuellen technischen Entwicklungen könnte man zu dem Schluss kommen, dass die Realität den Film bald eingeholt haben mag, was die Geschichte noch gruseliger erscheinen lässt.

Und als wären Story, Atmosphäre und die mit einem angedüsterten, wuchtigen Musik-Score unterlegten, großartigen Bilder nicht bereits genug, haut uns Regisseur und Drehbuchschreiber Gavin Rothery als Tüpfelchen auf dem „i“ dann auch noch einen Twist um die Ohren, der sich gewaschen hat.

Für SciFi-Fans eine unbedingte Empfehlung!
Alexander

09.09.2020, 13:45


Grobschlächtig

von D.S.
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Sehr schick sieht er aus, der Debüt-Langfilm von Gavin Rothery: Ein einsames Robotik-Labor weit draußen im Gebirge, durch Wasserfall und Schlucht vom Rest der Welt abgetrennt; im ewigen Schneefall huschen modernste Roboter mit stark menschlich/emotional aufgeladener KI durch stille Gänge... nur, dass sie in Wirklichkeit eher plump daher rumpeln, wahlweise blubbernde Quiektöne von sich geben oder monoton blechern vor sich hin sprechen und vom Äußeren her mehr an Warmwasser-Boiler auf zwei Beinen (bzw. Rollen) erinnern als an alles andere.

Der rudimentäre Entwicklungsgrad, auf dem zwei der Protagonisten von ARCHIVE sich befinden – die beiden ersten Roboter-Prototypen, die Hauptfigur George (Theo James, DIVERGENT) entwickelt hat –, steht dabei fast sinnbildlich für die Drehbuchprobleme, die dieser visuell oft so virtuos wirkende Film mit sich herum schleppt. In erster Linie ist die Story selbst nämlich viel zu dünn, viel zu simpel und nicht ausgearbeitet genug, um die enorme Laufzeit zu rechtfertigen. Aller Sci-Fi-Bohei genügt nicht, um darüber hinwegzutäuschen, auch die non-lineare Erzählweise mit reichlich eingestreuten Rückblenden kann nicht verhindern, dass man als Zuschauer viel zu früh ahnt, wo die Reise hingeht – was die wahren Beweggründe unseres fanatischen Forschers sind und wo sie ihn wohl enden lassen werden. Hinzu kommt ein dramatischer Hang zu Küchenpsychologie, der menschliche Gefühle allzu einfach erklärbar zu machen versucht; und der simple, anstrengende Fakt, dass sich ein Großteil der Handlung im Kern um den Gemütszustand einer 15-Jährigen dreht.

In gewisser Hinsicht ist ARCHIVE also eine „Bravo Girl“ im Gewand von „Wired“, und beim in sehr niedriger Geschwindigkeit sich voranschleppenden, mit nicht eben vielen Höhepunkten versetzten Plot kann man sich nach einiger Zeit durchaus genervt oder zumindest gelangweilt fühlen. Auf der anderen Seite stehen aber wiederum der faszinierende Look des Films, die optisch beeindruckende Location und die gelungenen CGI-Elemente. Auch die schauspielerischen Leistungen sind mehr als annehmbar.

Insofern ist der Film vermutlich vor allem etwas für Fans des Genres, alle anderen sollten ihren Kritiksensor herunterzupegeln versuchen. Ob man schließlich die Auflösung des Ganzen als wahnsinnig überraschend oder wahnsinnig plump empfindet... hängt vielleicht auch davon ab, wie sehr man im Verlauf des Films hinweggedämmert war. 5 von 10 Punkten.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

10.09.2020, 13:03


FANTASY FILM FEST 09/2020 #02: ARCHIVE

von untitled91
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ARCHIVE turned out as a strong surprise after having serious problems with its world-building in the first 20 minutes. The scenes don't seem to flow organically into each other in the beginning and it's hard to figure out what they are trying to tell. It felt like one of these superficial high polished mediocre Sci-Fi-B-Movies. Furthermore I am not a big fan of Theo James (he definitely has some issues with putting glasses on). Later it turns out that disliking his character is a hidden strength of the script. Still not the smartest casting decision. Eventually ARCHIVE won me over and turned me onto its mystery. The production design and special effects are impressive. The grainy 35 mm look (might be shot digital anyway) is a great contrast to the futuristic designs and developments. The setting is not very unique but the Japanese mountains and forest make a great environment especially considering the final plot developments. I think on an emotional basis the script finds the fine line between the sentimental and unease, or between thoughtful high-concept and simple entertainment. The script touches not only questions about future technologies and their ambivalent meaning but also on afterlife, holding on to your lost loved ones, toxic masculinity and one-sided relationships. There is a bittersweet undertone even in the more romantic passages. Stacy Martin is mesmerizing as ever. There is a magical scene where her character rediscovers the beauty of music and dances to a song by LA FEMMES. And finally we have a twist that really pays off.
untitled91
sah diesen Film im Kino in der Kulturbrauerei , Berlin - Original-Review

11.09.2020, 12:07


How To Build Your Girlfriend

von Leimbacher-Mario
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„Archive“ wird viele an Dinger wie „I Am Mother“, „Chappie“ oder auch die recht frische Serie „Upload“ auf Amazon erinnern, ist im Endeffekt aber besser als alle genannten Werke und ihre Ansätze, hat mich vor allem emotional enorm mitgenommen, angesprochen und durcheinandergewirbelt. Im Fazit nenne ich aber sicher noch ein paar Schwergewichte, mit denen diese Sci-Fi-Achterbahn noch besser vergleichbar ist. „Archive“ erzählt aus der nahen Zukunft von einem Programmierer, der die Liebe seines Lebens bei einem Autounfall verliert – und der nun, idyllisch abgeschieden und mit einem groben Auftrag einer mysteriösen Firma als mehr oder weniger Tarnung vorgeschoben, dank unfassbarer Technik und seinem einzigartigen Talent, drei Roboter baut, die sowohl in Aussehen als auch Gedächtnis/Gehirn seiner verlorenen Frau mehr und mehr ähneln...

„Archive“ hat einen ganz feinen, pulsierenden Score, das Artdesign ist stylisch und realistisch zugleich, Theo James liefert eine der besten Performances seiner Karriere (okay, das ist nicht super schwer) und die Wendungen, Überraschungen und „Wows“ hätten bei mir kaum besser sitzen können. Und das, obwohl sie die ganze Zeit auf der Hand liegen und ich sogar mal daran dachte – und dennoch haben sie mich ziemlich fast alle kalt erwischt. Das nenne ich mal Erfolg. Inklusive Replayvalue. Doch seine größten Stärken entfaltet „Archive“ meiner Meinung nicht mit audiovisuellen und erzählerischen Handkanten- und Tiefschlägen, Streicheleinheiten und Teppichwegziehern, sondern mit seinen ethischen Fragen sowie mit dem Geschick, wie er seine Roboter skizziert und den Zuschauer mit ihnen sympathisieren lässt. Themen wie Tod, Glaube, Technik, Seele und Trauer sind heavy, hier aber nie zu gezwungen, deprimierend oder aufs Auge gedrückt, sondern immer sinnvoll und individuell eingebracht. Aber was „Archive“ mit mir bzw. seinen drei Roboter-„Ladies“ gemacht hat, war für mich wohl die allergrößte, positive Überraschung, in einem ohnehin schon wendungsreichen Werk. Die drei „Jules“'s, von klobig, treu und kindisch über clever, eifersüchtig und jugendlich bis ausgebildet, gerissen und nahezu perfekt, haben alle drei in mir eine Menge ausgelöst. Verwunderung, Mitleid, Zorn, Trauer, Erregung, Wut, Sympathie, Verständnis. Und das immer wieder und wieder. Jede auf ihre eigene Art. Und das ist eine riesige Leistung, das hat wohl seit „Nummer 5“ kein Film bei mir geschafft (was immerhin schon wahrscheinlich über 20 Jahre her ist), das spielt dem Film samt all seinen Karten auf der Hand in eben genau diese... Wahnsinn! „Archive“ ist mit „Possessor“ zusammen auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest ein edler Sci-Fi-1-2-Punch, der unterschiedlicher kaum sein könnte, den man sich aber auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Fazit: Der Geist in der Hülle... „Archive“ ist einer der besten, packendsten und emotionalsten Sci-Fi-Thinker der letzten Jahre, eine gelungene, nein eher großartige Symbiose aus „Moon“, „Ex Machina“ und „Blade Runner“. Kopfkino, Style, Herz. Wie eine gehobene, lange „Black Mirror“-Folge. Überraschend. Abendfüllend. Persönlich. Menschlich.
Leimbacher-Mario

15.09.2020, 17:09




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