von Fans für Fans

Demon

Polnisches Sittenbild

von todaystomorrow
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Durchaus düster, intensiv und mit einer eindeutig übersinnlichen Thematik beschäftigt, ist DEMON dennoch ein Film, der bestenfalls dem FFF-Grenzbereich zugeordnet werden kann: in erster Linie handelt es sich hier um ein sehr (ost)europäisches Drama um das Aufeinanderprallen von „Familie“ und „Fremdem“, den Umgang mit der eigenen Vergangenheit, Konfliktbewältigung und die Konsequenzen des Bewahrens vergifteter Geheimnisse. Eine sich sehr realitätsgetreu und schonungslos anfühlende Zeichnung polnischer Kultur, ein Sittengemälde voller Folklore, Tradition und sehr viel Wodka – das in seiner Bildästhetik leider eher an ein Fernsehspiel erinnert und in seiner so schmuck- wie farblosen Tristesse über echtes Depressionspotential verfügt.

Es geht um einen in England aufgewachsenen Polen, Peter/Piotr, der kurzentschlossen ins dörfliche Umland von Krakau umsiedelt – denn er hat sich in die von dort stammende Žaneta verliebt, will sie in ein paar Tagen heiraten und dann mit ihr in einem alten Bauernhof wohnen, der schon seit 70, 80 Jahren in Familienbesitz ist, allerdings seit geraumer Zeit verlassen liegt. Am Tag vor der Hochzeit stößt er bei Baggerarbeiten auf dem Grundstück auf ein im Erdreich vergrabenes menschliches Skelett – und in der Nacht ereilt ihn eine merkwürdige Vision. Von da an ist er nicht mehr derselbe, und während die Hochzeitsfeierlichkeiten immer alkoholgeschwängertere Ausmaße annehmen, verhält er sich zunehmend aggressiver, unkontrollierter, verstörender. Weder Dorfarzt noch Pfarrer können seinen Zustand entscheidend verbessern. Einzig ein alter jüdischer Professor scheint eine Idee zu haben, was hier vor sich geht...

Das Thema dämonische Besessenheit wurde inzwischen von zahllosen Filmen nahezu erschöpfend abgehandelt, und DEMON kann ihm keine grundsätzlich neuen Aspekte abgewinnen. Das ist aber auch ganz offensichtlich nicht sein Ziel – als Horrorfilm lässt er sich ohnehin nicht bezeichnen, denn es sind nicht nur echte Gruselmomente, auf die man hier vergeblich wartet: die Besessenheit der Hauptfigur äußert sich vergleichsweise extrem unspektakulär, und der in ihn gefahrene Dämon (oder Geist) scheint auch kein allzu bösartig gesinnter zu sein. Im Mittelpunkt der Narration steht vielmehr der Umgang der Brautfamilie mit der Situation. Der verzweifelte, geradezu zynisch entschlossene Versuch des Brautvaters, vor den geladenen Gästen bloß nicht das Gesicht zu verlieren, die „beschämende“ Situation so gut es geht zu überspielen, die Feier pseudo-unbeschwert am Laufen zu halten – koste es, was es wolle.

Dieses unter den Teppich kehren von Problemen ist de facto das Hauptmotiv des Films, und das lässt sich durchaus als Anklage der polnischen Mentalität lesen. Wobei ich nicht beurteilen kann, ob das wirklich der Realität entspricht. Wie dem auch sei, angesichts der hier demonstrierten Konflikt- und Verantwortungsvermeidungsstrategien kann einem schon mal der Mund offen stehen bleiben.

Insofern ist DEMON ein fraglos beeindruckend inszenierter und vor allem gespielter Film, der auch in Sachen (schwarzen) Humors einiges zu bieten hat. Für mich wirkte er dennoch etwas fehl am Platz – ein Screening bei ARTE wäre vermutlich angemessener als beim FFF. Zudem fand ich die Auflösung der Story ziemlich unbefriedigend, hier wären ein paar Antworten mehr absolut angebracht gewesen.

Zusammengefasst ein Film, den man sich guten Gewissens ansehen kann, wenn man eine Abwechslung zum Hollywood-Umgang mit Geistern, Dämonen, Besessenheit sucht. Der ist hier dann allerdings auch SEHR europäisch: ernsthaft, schwer und, nun ja, eigentlich ziemlich unterhaltungs-befreit. Pädagogisch wertvoll. Genrefanseitig eher nicht. Aber immerhin voller Alkohol, von morgens bis nachts. Von mir nur 5,5 Punkte, da in diesem Rahmen irgendwie... nicht das Richtige.
todaystomorrow
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

07.12.2015, 10:21


Balkan Demon

von lexx
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Das schöne an diesem Film ist, dass man die ganze Zeit über wirklich sehr nahe an den Charakteren dran ist. Man verfolgt keine Hochzeitsfeier, man nimmt wahrhaftig daran teil! Genau darin und an dem lebendigen Treiben liegt meines Erachtens auch die Qualität von Demon. Nicht an der Geschichte selbst, denn diese ist weder neu, noch gruselig oder sonst was dergleichen. Muss man mögen, diesen besonderen Stil und sich daran ergötzen können.
lexx
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

07.12.2015, 21:20


Spiritus sanctus

von Herr_Kees
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DEMON kann man als so etwas wie die polnische Variante von Thomas Vinterbergs FESTEN bezeichnen – nur mit kistenweise Vodka und einem besessenen Bräutigam. Wobei der Film auch ohne sein übernatürliches Element fesseln würde, da hier jede Geschichte (die der Hochzeit und die der Besessenheit) mit derselben Fabulierlust, derselben visuellen Virtuosität und demselben trockenen Humor erzählt wird. Ein schöner, lustiger und trauriger Film, der zudem vom anschließenden Selbstmord seines Regisseurs unangenehm überschattet wird.
Herr_Kees
sah diesen Film im Metropol, Stuttgart

14.12.2015, 00:03


Wenn Polen feiern, feiern Polen...

von Leimbacher-Mario
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... und ich feier die Polen für diesen ungewöhnlichen Film! Selten wurde ein ausgelatschtes Thema so frisch, abwechslungsreich & intelligent aufbereitet. Wer denkt, er hätte schon alle Arten Dämonen- & Besessenheits-Storys gesehen, wird hier eines Besseren belehrt. Und in Sachen verrückter Hochzeiten muss auch erstmal ein abgedrehteres Beispiel her als die Geschichte des armen Piotr, der an seinem Hochzeitstag von einem Dybbuk befallen wird & so diesen meist schönsten Tag zum Alptraum werden lässt. Insgesamt ist die Realität, mit dem Selbstmord des Regisseurs, zwar noch gruseliger als der Film und vor allem trauriger, bei dem Talent - aber durch sein geschaffenes Werk wird Marcin Wrona sicher weiterleben & noch viele Menschen & Generationen positiv überraschen. Ein Film, dessen Titel so simpel ist, wie dessen Themen es nicht sind.

Warum ist "Demon" mein Überraschungshit der Fantasy Filmfest White Nights vom letzten Wochenende? Weil er es verstand, anders als manch anderer Film des Festivals, Schönheit mit einer unterhaltsamen Geschichte zu verbinden. Die Optik ist edel, als ob der Kameramann ein uneheliches Kind von Kubrick & Tarkovsky wäre. Nebelige Landschaften, ausgelaufene Farben & eine Bildkomposition, die meisterhaft erscheint & Abwechslung bietet. Dazu kommt eine Geschichte, die nicht nur überrascht, sondern ganze Vorurteile & Genre-Schablonen auf links dreht. Der Besessene ist ein Mann, die Hochzeitsgesellschaft feiert einfach weiter, es gibt wenig Konfrontation oder Spektakel. Und am Bemerkenswertesten: der Film ist unglaublich humorvoll & gesellig. Manchmal dunkler Humor & etwas gemein - aber überraschend spaßig. Vor allem das ignorante Partyverhalten der Gesellschaft & einzelner abgedrehter Charaktere samt Konstellationen untereinander unterhielt ungemein. Und das, ohne die Spannung zu sehr zu vernachlässigen - zumindest bis kurz vor Schluss, wo sich der Film verläuft & ein Ende ohne Erinnerungswert oder Antworten liefert. Letzteres kann ich mit leben, Ersteres nicht so gut.

Als wäre das nicht genug, haben die Schauspieler sichtbar Spaß & vor allem das Hochzeitspaar hat Starqualität & eine elektrisierende Chemie. Dass der Film sowohl als Metapher für die Angst vor dem ewigen Bund der Ehe als auch dem Einmarsch der Nazis in Polen gesehen werden kann, setzt dem Ganzen dann die Krone auf. Für mich persönlich als Mitte-20er-Deutscher erst recht. Und wenn Piotr anfängt, gebrochen deutsch zu sprechen, ist das köstlich gruselig & ein Paradebeispiel für den ganzen Film. Wäre das Ende ein wenig ausgefeilter, wäre hier etwas ganz Wertvolles entstanden. Aber auch so: Absoluter Geheimtipp für Cineasten, die auch mal eine Mischung aus Fisch & Fleisch zu schätzen wissen.

Fazit: Einer der interessanteren & schickeren Bessessenheits-Filme der letzten Zeit, der erst ganz gegen Ende die Balance zwischen Spannung & Humor verliert. Top!
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

13.04.2016, 14:24




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