crazy

Dinner in America

Punk Rock Love

von D.S.
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Zwei ungleiche Außenseiter – er: die ganze Welt verachtender Punk, sie: von der ganzen Welt verachtete Loserin mit mentalen Defiziten – werden zum unwahrscheinlichen Pärchen und zeigen ihrem Biedermann-/Bully-Umfeld den doppelten Mittelfinger. Natürlich kein ganz neues Sujet, neben dem im Programmheft erwähnten HAROLD AND MAUDE fällt einem da aus neuerer Zeit etwa GOD BLESS AMERICA ein, dessen Attitüde der von DINNER IN AMERICA deutlich näher kommt.

Noch viel mehr aber fühlte ich mich an einen anderen FFF-Beitrag von früher erinnert: HESHER nämlich, in dem es schließlich auch um einen als eher asozial gezeichneten Rebell geht, der eine verstockte, verspießte Welt in ihren Grundfesten erschüttert – und dazu laute, harte Musik erklingen lässt. Allerdings fühlt sich DINNER wesentlich authentischer an. Sein Rebell ist kein hübscher Joseph Gordon-Levitt. Sein Look ist rau, schmutzig, abgefuckt. Sein Habitus ist tatsächlich ein durch und durch zynischer, es fehlt alles Versöhnliche und Sozialarbeiter-hafte. Und: DINNER hat keine Songs von Metallica im Soundtrack. Sondern Songs einer echten Underground-Punkband namens Disco Assault.

Das alles macht DINNER IN AMERICA natürlich schwerer zugänglich. Er ist ein lupenreiner Indie-Film mit „Fuck you“-Attitüde, nicht jedermanns Sache. Im Vergleich mit dem ersten Langfilm von Regisseur Adam Rehmeier, dem unsäglichen, kaum erträglichen THE BUNNY GAME, handelt es sich allerdings um Mainstream-Kino für die ganze Familie. ;) Unter den Produzenten befindet sich unwahrscheinlicherweise übrigens Ben Stiller; im Cast sind neben Kyle Gallner (AMERICAN SNIPER) als Simon und Emily Skeggs (MILE 22) als Patty auch bekanntere Gesichter wie Mary Lynn Rajskub (24) oder Lea Thompson (LITTLE WOMEN) auszumachen.

Tatsächlich kann es aber selbst für Genre-/Indie-Fans ein bisschen dauern, bis man seine Sympathien voll auf Seiten der beiden recht unzugänglichen Anti-Helden verortet – oder sich auch nur in gesteigertem Maße dafür interessiert, was aus ihnen wird. Die erste Hälfte des Films verwendet nämlich relativ viel Zeit auf gefühlte Nebensächlichkeiten und wartet mit nur wenigen Handlungshöhepunkten auf. Spätestens, als unsere Protagonisten jedoch schließlich so weit sind, es der unfreundlichen Welt um sie herum auch mal zurückzuzahlen, steigern sich Tempo und Intensität des Geschehens: Es wird fesselnder, und irgendwann kann man dann zudem kaum noch anders, als die beiden ins Herz zu schließen und mit ihnen mitzufiebern.

Denn, verdammt, ihre Liebe fühlt sich in all dem sie umgebenden Schmutz, der Mißgunst und Verachtung ihrer Mitmenschen und der Perspektivlosigkeit ihrer Situation so dermaßen echt, rein und groß an, dass auch der desillusionierteste Misanthrop zum tränenverdrückenden Romantiker mutiert. Fast mit Sicherheit. Punk Rock Love, Baby. Punk as Fuck. 8 von 10 Punkten.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

13.09.2020, 02:20


.. und wir spielen Bonnie und Clyde

von Dr_Schaedel
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So, statt Abendbrot in Nürnberg also DINNER IN AMERICA. Und auch wenn die Lachstürme (zu trennen: Lach-Stürme) in den ausgedünnten Sitzreihen beim diesjährigen Centerpiece etwas leiser ausfielen und auch niemand zu Szenenapplaus o. ä. hingerissen wurde, es hatten bei dieser kleinen Indie-Komödie sicher alle ihren Spaß, – außer vielleicht die unter ihrer kleinbürgerlichen Welt leidenden Hauptfiguren.

Der stets mies gelaunte Simon (nie ohne Zornesfalte auf der Stirn und Kippe im Mundwinkel, irgendwie ein James Dean des Crustpunk), dessen Leben eh schon nicht optimal verläuft, und richtig anstrengend wird, als er auf der Flucht vor der Polizei erfahren muss, dass seine Band, – sein Ein und Alles –, sich an die kommerzielle Musikbranche heranwanzt, und die neurotische Patty, die von ihrer Moral-triefenden Familie klein gehalten und von ihrem Chef oder Gleichaltrigen als Fußabstreifer behandelt wird, das sind die zwei, die sich durch dieses Movie schlagen, das zwischen Kammerspiel und Road Movie mäandert und eigentlich gar nicht so trostlos wirkt. Jeder hat sich in seinem Verliererdasein ganz gut eingerichtet, aber es fehlt eben irgendwas, und das sorgt für reichlich Frust. Frust, den der eine durch permanente Aggression und Provokation, die andere durch eine Art inneres Exil und ihre Verehrung für lautes Punkrock-Geknüppel und ihre daran gekoppelte sexuelle Obsession zu kompensieren versucht.

Dass die beiden zueinander finden, ist eine der schicksalhaftesten Vereinigungen seit BONNIE UND CLYDE und – soviel sei verraten – es endet zum Glück nicht so. So überzeichnet und klischeehaft die Familien und andere Randfiguren in der Geschichte sind, so viel Realismus ist dann doch für das Ende aufgespart worden, was ich als sehr wohltuend empfand. Sogar so wohltuend, dass ich ihn für den realistischeren Punk-Film halte als den letztjährigen BOMB CITY mit all seinem Männerbanden-Pathos.

DINNER IN AMERICA schafft es, zugleich schrill und lakonisch zu sein. Mit stampfenden Sounds unterlegt macht dieser entfesselte Baader-Michigan-Komplex lustvoll alles kaputt, was ihn kaputt macht; Simon mit fast beiläufiger Souveränität, Patty als seine willfährige und lernfreudige Praktikantin. Dieses Ungleichgewicht könnte man allerdings auch irgendwann als etwas störend empfinden. Gerne hätte man sich eine etwas stärkere Patty und einen nicht ganz so coolen Simon gewünscht. Und vielleicht insgesamt etwas mehr Tiefgang.

Dennoch ist hier ambitioniertes Underdog-Kino mit Herz herausgekommen, das vielleicht stilistisch noch seine Mitte sucht, aber gerade im Unperfekten punk(t)en kann.
Dr_Schaedel

26.09.2020, 10:10


Patty is a punk rocker

von Herr_Kees
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Simon und Patty passen ungefähr so gut zusammen wie Joaquin Phoenix und Zooey Deschanel: Sie, süß, etwas langsam und tolpatschig, wohnt noch bei ihren Eltern (herrlich: Mary Lynn Rajskub und Pat Healy), er ist ein Kotzbrocken, der sich mit Medikamententests und Drogendeals über Wasser hält. Einzig ihre gemeinsame Liebe zu Punkrock eint die beiden.

Auf dieser Basis entwickelt sich eine (für den Punkansatz eigentlich zu) nette, größtenteils unspektakuläre Punkrockromanze, deren komödiantische Highlights tatsächlich die diversen Dinners an den Tischen unterschiedlicher, aber typischer, amerikanischer Familien sind.

Etwas wenig für ein Centerpiece. Aber Emily Skeggs Song (geschrieben zusammen mit Regisseur Adam Rehmeier!) ist ein echter Indie-Hit!
Herr_Kees
sah diesen Film im Metropol, Stuttgart

27.09.2020, 01:26


Burning Down The House!!!

von Leimbacher-Mario
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Mein Lieblingsfilm aus dem diesjährigen (qualitativ eh endlich mal wieder herausragenden) Fantasy Filmfest-Jahrgang: „Dinner in America“ ist eine rockige, porentief liebenswerte Außenseiterliebesgeschichte, ein Love Letter an den Punk und das Kino selbst. Kurz gesagt: einfach ein herausragender Indie und völlig zurecht das 2020er-Herzstück des größten deutschen Genrefestivals! Und wenn man bedenkt, dass Regisseur Adam Rehmeier vor ein paar Jahren noch sowas Stumpf-Perverses wie „The Bunny Game“ abgeliefert hat, dann weiß man gar nicht mehr wohin mit dem Lob für diese brachiale Entwicklung... Respekt! Wow! Weiter so!

Erzählt wird von zwei freakigen, dennoch sehr gegensätzlichen Außenseitern, die zufällig zueinanderfinden, sehr gut zueinanderpassen, voneinander lernen und einige wilde, die Vorstadt aufwühlende Episoden erleben, die sie zusammenschweißen und das Herz der beiden sowie der Zuschauer höherschlagen lassen...

Irgendwo zwischen „Hesher“, „Bonnie & Clyde“ und „Metalhead“ ist dieses besondere 4-Gänge-Menü aus Schweiß, Spucke und Leidenschaft einfach nur fantastisch meiner Meinung nach. Oft gucke ich bei Filmen auf Uhr und/oder Laufzeit, weil ich wissen will, wie lang es noch geht usw. – bei „Dinner in America“ wollte/musste sich der Blick keine Sekunde von der Leinwand wegbewegen. Zu hammermäßig und packend war dieser herzliche, verspielte Ritt zwischen Mikrofon, Kraftausdrücken und purem Punk. Eine der speziellsten und härtesten RomComs auf dem Markt. Mit mindestens einem veritablen Indie-Hit, mit zwei köstlichen Jungstars, von denen man hoffentlich noch viel sieht, mit viel Flair, Charme und Liebe zum dreckig-authentischen Detail. Und doch ist alles comichaft überhöht und manchmal gar hyperaktiv. Jedoch nie ohne Kern und Charaktere zu verlieren. Ganz im Gegenteil. Kurzum: ich habe mich in „Dinner in America“ Hals über Kopf verknallt und hätte ihn am liebsten direkt nochmal geguckt. Denn Lieblingsfilme werden nun mal nicht durch Geschichten gemacht, sondern durch Gefühle und Figuren, mit denen man super gerne Zeit verbringt. Und in der Hinsicht punktet Rehmeiers süßer Vorschlaghammer und Feuerstarter auf allen Ebenen. Was für ein sexy Geschoss, was für eine rebellische Ansage!

Fazit: Punk as fuck!!! „Dinner in America“ ist köstlich! Perfekte Liebesgeschichte, coole Figuren, dreckig genug, klasse Soundtrack, hammer Leute. Eine echte Perle. Crowdpleaser und doch nie zu mainstreamig. Absolut empfehlenswert. Egal was man für Musik hört. Hier stimmt für mich fast alles.
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

30.09.2020, 01:11




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