von Fans für Fans

The Disappeared

Ken Loach

von CineManiaX
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Vermutlich wirkt "The Disappeared" umso besser, je geringer die Erwartungshaltung an den Film ist. Er punktet weder durch groß angelegte Schockeffekte noch durch Blut und Eingeweide und seine Spannungskurve hebt sich auch erst in den letzten 15 Minuten spürbar. Vielmehr entwickelt Regisseur und Drehbuchautor Johnny Kevorkian eine sehr stille und langsame Geistergeschichte, die er im tristen Grau der Südlondoner Hochhaussiedlungen platziert hat. Durch die aus der Arbeiterklasse stammenden Protagonisten, die auch schon ohne das Verschwinden ihres Bruders bzw. Sohnes mehr als genug mit dem Leben und seinen Widrigkeiten zu kämpfen hätten, weht tatsächlich ein Hauch von typisch britischem Sozialdrama durch den Film. In langen und ruhigen Sequenzen wird immer wieder die Einsamkeit der Hauptfigur thematisiert, dessen Suche nach dem Täter trotz ihres langsamen Tempos auch dadurch Spannung aufbauen kann, dass sich der Film bis zum letzten Drittel noch alle Möglichkeiten offenhält und deshalb auch in einem begrenzten Maße zum Miträtseln einlädt. Die Schuld-und-Sühne-Thematik wird leider nicht konsequent ausgebaut und auch die finale Auflösung hätte kontroverser ausfallen können und ist meiner Meinung nach zu plakativ für den Erzählstil, den der Film gewählt hat. Doch ich konnte damit gut leben, auch wenn ich mir eine Auflösung gewünscht hätte, die zum Nachdenken und Diskutieren anregt, aber auch so ist "The Disappeared" eine runde Sache - trotz einiger Ungereimtheiten, die man aber einem Erstlingswerk durchaus verzeihen kann und die sich auch nicht negativ auf den roten Faden des Films auswirken.

Für den über weite Strecken geglückten Versuch, ein tristes Sozialdrama mit einem Geisterthriller zu kombinieren und die großartige Besetzung der Hauptrolle gibt es noch einen Sympathiebonus. Und immer wieder konnte ich mich nicht des Gedanken erwehren, dass ich das britische Remake eines J-Horrors unter der Regie von Ken Loach sehe. Mehr als sieben Punkte sind für mich dennoch nicht drin, denn mein Wunsch, den Film nochmal zu sehen, tendiert gegen Null. Aber jeder, der einen auf Realismus getrimmten Geisterfilm sehen will, sollte "The Disappeared" eine Chance geben.
CineManiaX
sah diesen Film im Cinemaxx 6, Berlin

20.08.2009, 09:06


I hear dead people

von Lovecraft
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Parallelen zu "Sixth Sense" gibt es in diesem kleinen aber recht feinen englischen First Blood-Beitrag genug. Hört und sieht Matt als einziger wirklich seinen verschwundenen kleinen Bruder, oder sind das doch eher die Nachwirkungen seines Anstaltsaufenthalts nach dessen ungeklärtem Verschwinden?

"The Disappeared" kommt trotz ruhigen Tonfalls schnell zum Punkt und steigert sich hin bis zu einem recht packenden Showdown. Davon abgesehen, dass die "Horroreinschübe" nicht übermäßig "heftig" sind, kann man sich hier ganz gut auf die Beschreibung im Programmheft verlassen. Positiv fallen neben den ungewohnten Locations (ein ziemlich abgefucktes London) die unverbrauchten und authentisch wirkenden Darsteller auf, wobei gerade der Hauptdarsteller und seine Kumpels (Tom "Malfoy" Felton) stellenweise aufgrund starken Nuschelns doch recht schwer zu verstehen ist.

Ich habe jedenfalls den Besuch nicht bereut und kann den Film allen Freunden gepflegter Gruselunterhaltung ohne Blutexzesse ans Herz legen.
Lovecraft
sah diesen Film im Cinemaxx 6, Berlin

20.08.2009, 11:39


Ghosts in the Ghetto

von todaystomorrow
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Frankfurt, 27. August 2009, 15 Uhr. Draußen: Sengende Sommerhitze, die jede Bewegung zur Qual macht. Drinnen: Tristesse royale. Herbst in einem Londoner Hochhausghetto, das jede Minute des Lebens zur Qual macht.

Jedenfalls für unseren Protagonisten, den 17-Jährigen Matthew, dessen kleiner Bruder Tom eines Abends vor Monaten spurlos vom Spielplatz verschwunden ist - was Matthew zum Selbstmordversuch und anschließend in stationäre psychiatrische Behandlung gebracht hat. Er ist von Selbstvorwürfen zerfressen, schließlich sollte er an jenem Abend auf Tom aufpassen, zog es aber vor, mit seinen Freunden seinen Geburtstag zu feiern. Auch sein Vater macht ihn deshalb mit für die Tragödie verantwortlich - andererseits gibt es nicht wenige, die gerade ihn der Tat verdächtigen. Schließlich ist er für seinen Jähzorn bekannt... und es spricht einiges dafür, dass ein Anwohner schuldig ist. Denn in derselben Siedlung sind noch viele andere Kinder und Jugendliche verschwunden...

Beim Betrachten von THE DISAPPEARED fällt einem zunächst nur ein Begriff ein: deprimierend. Die Unterschichts-Kulisse wird mit voller Wucht ausgespielt, hier atmet jeder Zentimeter Hoffnungslosigkeit und Lebensfeindlichkeit. Heruntergekommene Wohnkäfige in monströsen Hochhaussilos, ein ganzes Viertel, das ungebremst der totalen Verwahrlosung anheimfällt, dazwischen jede Menge Gewalt und nicht mal mehr Reste von Träumen - das Szenario ist einfach nur bitter und lässt einen mit den Figuren intensiv mitleiden.

In kleinen Schritten hält dann auch der Horror, oder besser Grusel Einzug: Matthew schreckt immer wieder aus Alpträumen hoch, in denen er lebendig begraben wird. Er hört und sieht seinen toten (?) Bruder. Er hat ein extrem realistisches paranormales Erlebnis. Und während er dem Geheimnis der Verschwundenen auf die Spur kommt, zweifelt er immer stärker an seinem Verstand...

...fast so, wie man irgendwann auch am Verstand von Regisseur und Drehbuchautor Johnny Kevorkian zweifeln möchte. Denn ganz genau so, wie es das Programmheft verspricht, entwickelt sich das "stille Sozialdrama" zum "urbanen Geisterschocker" - aber es macht dabei alles andere als eine gute Figur. Sämtliche plotrelevanten Handlungsmomente wirken extrem konstruiert, sämtliche übernatürlichen Story-Aspekte des Films versinken knietief in den lahmsten Klischees, sämtliche angedachten Überraschungen bzw. schockierenden Enthüllungen sind kilometerweit im Voraus erahnbar - das Drehbuch ist nur als erschreckend unbeholfen zu beschreiben.

Mal ganz davon abgesehen, dass der Mix aus tristem Hyperrealismus und SIXTH SENSE-artigem Übersinnlichen sich in der Theorie ja ganz spannend anhört, in der Praxis aber eher lächerlich unglaubwürdig daherkommt: man hat den Eindruck, die Storyentwicklung wurde hier mal ganz hart übers Knie gebrochen. Das ist sehr schade, da nicht nur das Setting (deprimierend) beeindruckt, sondern insbesondere der Hauptdarsteller seine Figur sensationell zum Leben erweckt. Matthew wirkt komplett authentisch, sowohl im Verhalten als auch in seinem Habitus - so, wie man sich gebrochene Jugendliche in einem solchen Umfeld jedenfalls vorstellen würde.

So entwickelt man ohne Frage Interesse an ihm, aber das reicht nicht, um gleichzeitig auch für übermäßiges Interesse am Ausgang der Story zu sorgen. Dafür ist das diese dann eben doch zu sehr vernachlässigt worden.

Zwar gehen wir wohl fast alle eher aufs FFF, um einen Geisterfilm als um ein Unterschichtsdrama zu sehen. Wenn ein Film aber bedrückend faszinierend beginnt und dann zu einer belanglosen Abfolge plumper, reißbrettartiger Gruselklischees verkommt... dann wünscht man sich doch, er wäre beim Drama geblieben. Oder besser noch, hätte etwas mehr Zeit auf eine originellere, weniger peinliche Story(-auflösung) verwendet.

So ist THE DISAPPEARED zwar nicht unbedingt langweilig, wenn man sich auf das ruhige Tempo und die vorherrschende Tristesse einlässt, aber als Gruselfilm leider letztlich alles andere als überzeugend. Insbesondere der starken Darstellerleistung wegen dennoch: 5 Punkte. Wobei ein guter Teil des Publikums im Gegensatz zu mir ziemlich begeistert wirkte.
todaystomorrow
sah diesen Film im Metropolis 8, Frankfurt

28.08.2009, 05:22


Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde

von Michaela
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Ich hab jetzt den Film völlig unvoreingenommen gesehen. Ich habe mich auch vorher nicht über den Film informiert. Eine private sneak sozusagen. Dass es sich um einen Geisterfilm handelt, kriegt man sehr schnell mit. Allerdings ist es nicht nur ein Geisterfilm mit ein paar Schockeffekten und Gänsehautstellen, sondern auch ein Sozialdrama im Unterschichten-London. Die Schauspieler fand ich allesamt überzeugend und authentisch, auch atmosphärisch macht der Film einiges her - die Umgebung, in der der Film spielt, ist schon ziemlich trist, dann die Spannung und Hilflosigkeit zwischen Vater und Sohn, die unausgesprochenen Schuldzuweisungen und die Verzweiflung über den Verbleib des kleinen Jungen. Ich fand die Geschichte emotional aufwühlend. Manches ist zwar vorhersehbar, aber insgesamt weiß der Film, obwohl er von eher ruhiger Gangart ist, zu fesseln.
Michaela

18.08.2013, 23:35




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