von Fans für Fans

Dog Bite Dog

Hart, aber schmerzlich

von todaystomorrow
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Den Vorspann einberechnet, dauert es fast sieben Minuten, bis in "Dog Bite Dog" zum ersten Mal gesprochen wird; bis zum ersten richtigen Dialog sind es mehr als zehn Minuten. Das ist symptomatisch und folgerichtig für diesen Film, der sich nicht nur stilistisch deutlich von den meisten anderen Vertretern seines Genres absetzt. Denn er stellt uns Figuren vor, die mehr und mehr von dem fort driften, das wir als "menschlich" kennen; dank ihrer Vorgeschichte und den Dingen, die ihnen aktuell widerfahren. In ihren Verhaltensweisen und Handlungen entfernen sie sich im Laufe des Gezeigten immer weiter weg vom Normalen, sie bewegen sich in ihrer eigenen Welt, in der bestenfalls Regeln des Animalischen gelten. Und das gilt für beide Hauptfiguren: Pang (Edison Chen), Auftragskiller aus Kambodscha, und Wai (Sam Lee), junger und eigensinniger Polizist aus Hong Kong. Sie steigern sich in eine gnadenlose Spirale der Gewalt und Ausweglosigkeit; ihre Aktionen sind dabei in großen Teilen nicht erwartbar, wenn man von gewöhnlichen Maßstäben ausgeht.

Diesem ungewohnten Umgang mit gesellschaftlichen Normen, den die Story abbildet, entspricht die außergewöhnliche Handhabung von Bild und Ton. Zunächst verfolgen wir Pangs Ankunft in Hong Kong, nach einer stürmischen Überfahrt auf See. Er spricht kein Wort Kantonesisch, ist ein grimmiger Fremder in einer fremden, unverständlichen Umgebung. Und die Tonspur vermittelt uns passend dazu das Gefühl, die Akustik sei in Watte gepackt worden oder man befände sich unter Wasser, alles klingt gedämpft, erstickt, verzerrt - und bleibt über weite Strecken stumm. In den Momenten aber, in denen er zum Handelnden wird, durch sein Tun der fremden Umgebung seinen unvergänglichen Stempel aufdrückt: dann bricht sich Lautstärke ihre Bahn, dann wird die Stille oder Gedämpftheit durch Schüsse, Lärm, akustisches Chaos abgelöst. Dem oft nur wieder - schockierte - Stille folgt.

So verhält es sich auch, als Pang nach der Erledigung seines Jobs zum ersten Mal auf Wai trifft: er flieht vor dem zunächst nur mürrisch ermittelndem Beamten, versucht sich erst zu verstecken, wendet jedoch sofort wieder Gewalt an und sorgt für die (auch akustische) Eskalation, als er in die Enge getrieben wird. Ausgerechnet derjenige Kollege, der dem desillusionierten Wai noch am nahesten stand, verliert dabei sein Leben, und fortan hat jener nur noch ein Ziel: Pang zur Strecke zu bringen.

Dieses Ziel verfolgt er vor einer trostlosen Kulisse und in meist geradezu fahlem Licht. Gleich, ob die Handlung in den engen Straßen von Wan Chai oder dem heruntergekommenen Tai Kok Tsui vorangetrieben wird: Hong Kong wird als ausnehmend häßlich präsentiert, als schmutzige, triste und kaputte Hülle. Dazu trägt nicht nur entscheidend bei, daß ein gutes Stück der Story auf einer Mülldeponie stattfindet, sondern vor allem auch die generelle Farbgebung des Films: während die Tonspur, abgesehen vom häufigen Einsatz eines absolut unpassenden Ethno-Soundtracks, nach einiger Zeit auf auffällige Anomalien verzichtet, bleibt die Bildebene konsequent eigenartig. Die Schlußsequenz einmal ausgenommen, wirken die Farben wie ausgewaschen, das Bild ausgeblichen, die Atmosphäre unterkühlt, deprimierend, hoffnungslos. Zudem spielt sich der überwiegende Teil des Geschehens nachts oder in den grauen Dämmerungsstunden ab - viel Sonnenlicht sieht hier niemand. Was durchaus auch im übertragenen Sinne gemeint ist: "Dog Bite Dog" ist bevölkert mit Losern, die keinerlei Zukunft haben, für die es keine Rettung und keine Ausflucht zu geben scheint. Außer der zur Gewalt, und die treibt das Geschehen fortwährend nur in eine dramatische Richtung.

"Dog Bite Dog" ist ein harter Film, auch in seiner Explizität. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten wurde ein Actioner/Thriller in HK mit dem Cat. III-Rating versehen, und das zu recht. Dabei sollte nun niemand Leichenberge und Ballerorgien erwarten, aber die Formen körperlicher Gewalt und ihre Plötzlichkeit lassen einen manchmal schon zusammenzucken. Insofern nimmt der Film einen durchaus mit und ist in seiner schonungslos deprimierenden Weltsicht alles andere als leicht zu verdauen, dadurch eindrucksstark und außergewöhnlich. Definitiv ein überraschendes Filmerlebnis, gerade auch angesichts der bisherigen Arbeiten des Regisseurs Soi Cheang, die vor allem Horrorfilme wie "Horror Hotline...Big Head Monster", "New Blood" und den müden "Home Sweet Home" umfaßten.

Aber ist "Dog Bite Dog" deshalb gleich ein Meisterwerk, wie diverse Reviews behaupten? Meiner Meinung nach nicht, dafür sind hier zu viele Schwächen enthalten. So übertreibt es der Film stellenweise sehr mit seinen Analogien und Bildern, bestimmte Deutungen des Geschehens werden dem Betrachter förmlich mit dem Zaunpfahl eingehämmert. So etwa, wenn ein wüster Faustkampf der beiden Antagonisten mit dem Knurren und Bellen wütender wilder Hunde unterlegt wird... das wirkt leider eher albern als schockierend.

Überhaupt wird die nicht eben differenzierte Aussage des Films auf alles andere als subtile Weise wieder und wieder betont: die Großstadt, die kalte Gegenwart verwandelt Menschen in reißende Tiere. Die Vorgeschichte unserer Hauptfiguren, die im einen Fall nur angedeutet, im anderen ausführlicher abgehandelt wird, ist da auch eher klischeehaft und simplifizierend gehalten, jedenfalls bringt sie die Story inhaltlich nicht sonderlich voran und hätte auch weggelassen werden können. Ebenso vielleicht wie eine verquere Liebesgeschichte, die sich um den Killer Pang entspannt. Zwar ist ihre Konstellation interessant (hier der brutale Gewissenlose, dort die zurückgebliebene Kindfrau; pure Gewalt trifft auf reinste Unschuld - Unmoral auf Amoral), in der Umsetzung landet dieser Handlungsstrang jedoch bedenklich oft bedenklich nah am Kitsch.

Konsequent ist es, daß der Film keine offensichtliche Partei für einen seiner Protagonisten ergreift. Alle sind gefangen im Verhalten, das ihnen aufgezwängt wurde und wird, letztendlich ist keiner gut, keiner böse. Neu ist ein solcher Aufbau allerdings nicht, genauso wenig wie die Storyidee. Die leider kaum für die über 100 Minuten Laufzeit des Films ausreicht. Aber in erster Linie geht es hier ja auch nicht um eine Story, sondern um eine Aussage. Wie man diese dann findet, bleibt jedem selbst überlassen. Ein wenig mehr Film und etwas weniger "Instrumentalisierung" des Geschehens hätte es für meinen Geschmack aber doch sein dürfen.

Trotz dieser Schwächen, trotz seiner Plattheiten, seiner Melodramatik, des nicht immer perfekten Timings und der nicht wirklich überzeugenden Storyline, ist "Dog Bite Dog" aber ein nachhaltig beeindruckendes Werk, das insbesondere durch seinen Nihilismus und seine brutal ausgespielte Hoffnungslosigkeit im Gedächtnis bleibt. Tolle schauspielerische Leistungen und eine sehr gute Kameraarbeit sowie der ungewöhnliche Umgang mit Bild (vor allem Licht) und Ton heben den Film klar von der Masse ab. Für mich sind das 7,5 Punkte, für manchen anderen bestimmt noch mehr.
todaystomorrow

16.02.2007, 16:21


Ein tollwütiger Hund

von T-Killa
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Der Film hätte um einiges besser sein können, wenn das Ende nicht wäre.

Der Film ist stellenweise ziemlich heftig und brutal. Stilistisch düster gehalten, entwickelt der Streifen eine ziemlich bedrückende Großstadtatmosphäre. Die beiden Hauptakteure, der Killer und der Cop, sind sehr brutal bei der Wahl ihrer Mittel um an ihr Ziel zu gelangen. Der Killer ist allein in der riesigen Stadt ohne die Sprache zu beherrschen und will wieder zurück nach Kambodscha, wo er unter übelsten Bedingungen auf einer Müllhalde aufgewachsen ist und sein Überleben durch brutale Kämpfe gesichert hat. So kommt es auf der Hetzjagd immer wieder zu Konfrontationen, die sehr brutal und ohne jegliche Gnade ausgeführt werden. Zu keinem Zeitpunkt ist man sicher, für welche Seite des Gesetzes man mitfiebern soll. Als der Mörder in einer Müllhalde Unterschlupf sucht, trifft er ein von ihrem Vater mißbrauchtes Mädchen - der wohl erste Mensch in seinem Leben, für den er etwas zu empfinden scheint. So schließen sich die beiden zusammen um gemeinsam zu fliehen.

Was anfangs sehr fesselnd ist, wird gegen ende eher nervig und wirkt unnötig in die Länge gezogen. Jedes Aufeinandertreffen ist inszeniert wie der große Showdown am Ende eines Films, jedoch nimmt der Film dann kein Ende, sondern es folgt ein mäßiges, zuweilen sogar leicht kitschiges Zwischenstück zum nächsten Showdown. Vor allem das Maß an Tragik und Pathos der individuellen Schicksalsschläge ist viel zu übertrieben. Beim endgültig finalen Ende, kam es im Publikum sogar zu einigen (ungewollten) Lachern, weil es einfach so überzogen war. Auch war die Musik gegen Ende total unpassend! Über die logischen und inhaltlichen Fehler lässt sich aber gut hinwegsehen.

Alles in allem ist der Film über lange Zeit sehr unterhaltsam, nur ab der Hälfte baut er merklich ab und man sehnt sich nach den Credits.
T-Killa
sah diesen Film im Metropol 1, Stuttgart

18.03.2007, 15:38


Review

von Roughale
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Eine düstere Atmosphäre lag die ganze Zeit über diesem Film, das macht ihn sehenswert, ebenso das gute Schauspiel aller Beteiligten, dass sich nicht auf die leider häufig üblichen Ansätze des Überposings konzentrierte. Nur das extrem übertriebene Ende wertet den Film leicht ab.
Roughale
sah diesen Film im Cinemaxx 1, Hamburg

02.04.2007, 11:16




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Kommentar von MarxBrother81 :
Weh muß das hier tun
So etwas hat man aus Hong Kong schon lange nicht mehr gesehen. Harte Cops gegen noch härtere Gangstergesellen ! Dazu eine Action die seinesgleichen sucht ! Johnny To läßt grüßen (sein Stamm-Schauspieler Lam Suet hat ja auch eine kleine Nebenrolle !) Wirklich klasse !
03.10.2008, 22:44

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