von Fans für Fans

Kidnap Capital

No one is legal

von boneless
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Kidnap Capital dürfte der Downer des diesjährigen Festivals sein. Ein Film über die sogenannten "Drop Houses" in Phoenix, Arizona, in die illegale Einwanderer aus Mexiko verschleppt und gezwungen werden, ihre eigene Freilassung zu bezahlen. Bis das Geld da ist (wenn überhaupt), werden diese Menschen wie Tiere gehalten und in jeglicher Form erniedrigt.

Kidnap Capital ist schmerzhaft, intensiv und realistisch. Er hat gute Schauspieler und eine bedrückende Atmosphäre. Er ist nicht sonderlich brutal vom Gezeigten her, aber die eingestreuten Gewaltspitzen kommen gerade wegen der eiskalten und erbarmungslosen Charaktere der Kidnapper recht unangenehm beim Zuschauer an. Dennoch keimt immer wieder so etwas wie Hoffnung auf, welche sich aber des Öfteren als sehr trügerisch erweist. Das Ende wirkt lange nach und hinterlässt den Zuschauer in einem sehr seltsamen Zwischenstadium aus Wut, Ohnmacht und Melancholie.
Nach dem Abspann hatte ich einen Kloß im Hals, was so einiges aussagen dürfte.
boneless
sah diesen Film im Cinestar, Berlin

28.08.2016, 12:37


Welcome to the USA

von todaystomorrow
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Die Verschleppung tausender illegaler Immigranten aus Mittelamerika durch professionell organisierte Banden in sogenannte "Drop Houses" überall in Städten wie Phoenix, Arizona ist ein schmutziges Thema. Eher keins für einen Hollywoodfilm – schon gar nicht, wie im FFF-Programmheft bereits erwähnt, wenn nicht etwa vom Staat geschickte Rettungstruppen im Zentrum der Handlung stehen. Tatsächlich fokussiert sich die kanadische Produktion KIDNAP CAPITAL ausschließlich auf die Perspektive der Betroffenen, und zwar aus extremer Innensicht: Wir sind hier ganz nah dran am Leiden einer Gruppe Entführter, sind mit ihnen auf engstem Raum gefangen und den perfiden Drohungen und Gewalttaten der cholerisch aggressiven Kriminellen ausgesetzt.

Wenngleich wir uns also weit weg von strahlenden Helden, Glamour und SFX-Magie befinden, lehnt sich das Debüt von Felipe Rodriguez in mancher Hinsicht doch stark an typische Hollywood-Muster an. Vor allem betrifft das die Figurenzeichnung: unterschiedliche Facetten einer Persönlichkeit werden hier (mit einer Ausnahme) keiner Figur zugebilligt, Täter wie Opfer entsprechen Archetypen und machen auch keinerlei Wandlung. Entsprechend fällt es schwer, die Protagonisten als authentisch wahrzunehmen, was wiederum dazu führt, dass der Film sich eben – seinem deprimierenden Inhalt und seinem rauen Look & Feel zum Trotz – in allererster Linie doch mehr wie ein Film anfühlt, weniger wie eine realistische Darstellung unmenschlicher Zustände. Darüber entsteht beim Zuschauer eine gewisse Distanz, die der aufwühlenden Kraft seiner Thematik ein ganzes Stück weit im Wege steht.

Das beste Beispiel ist die Hauptfigur, die uns als aufopferungsvoller Ritter ohne Fehl und Tadel nahegebracht wird und im Höhepunkt dann auch noch eine gestelzt-pathetische Rede hält, die glatt von Martin Luther King hätte stammen können. Sorry, aber das ist nichts anderes als (Hollywood-) Kitsch.

Einigermaßen packend erzählt ist KIDNAP CAPITAL ansonsten aber schon, und die gezeigte Hoffnungslosigkeit und Unmenschlichkeit macht unweigerlich betroffen. Mehr als 6 Punkte sind aufgrund der genannten Schwächen für mich nicht drin, trotzdem kann ich eine Sichtung ohne schlechtes Gewissen jedem empfehlen.
todaystomorrow
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

06.09.2016, 01:59


Land of the Free

von Leimbacher-Mario
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"Kidnap Capital" behandelt ein extrem düsteres Thema der momentanen US-Geschichte - das der sogenannten Drophäuser, wo illegale Einwanderer unter unmenschlichen Umständen festgehalten & erst unter Lösegeldzahlungen ihrer Freunde & Verwandten in die Freiheit entlassen werden. Allgemein ist Einwanderung ein extrem aktuelles & nun auch in Filmen immer öfter behandeltes Thema, zu dem wir auch in Europa so langsam ein Lied singen können. Ob es solche Häuser auch hierzulande oder in Europa gibt? Sicher keine allzu realitätsferne Idee, was diesen fast schon zu ehrlichen & harten Thriller noch näher & unangenehmer an uns heran holt.

Ohne großartigen Torture Porn, ohne übertriebene Brutalität - die gezeigten, oft an KZ-Bilder erinnernden Umstände eines überfüllten Kellers mit nackten, verängstigten & schwachen Mexikanern reichen, um den Magen öfter mal auf links zu drehen. Nicht nur sind die Führer dieses Drophouses erbarmungslos & kalt, nicht nur der Dreck, das wenige Essen oder die Ungewissheit sind schlimm. Viel mehr ist die Enttäuschung, Ratlosigkeit & Entmenschlichung spürbar. Anstatt in einem freien Land der unbegrenzten Möglichkeiten landete man in einem Keller, behandelt wie ein Tier. Schlimmer noch. Selbst ein Kampf scheint es kaum wert zu sein. Kein Vor & kein Zurück.

Hier gehen jegliche Würde, Stolz & Mut verloren, was vielleicht etwas erklärt, warum die Gefangenen nicht stärker & effizienter gegen ihre Peiniger vorgehen. Das, zusammen mit ein paar aufgebauschten, verkomplizierten Entscheidungen & Wendungen gegen Ende, ließ bei mir einzelne Fragezeichen zurück. Doch auf Grund des ansonsten erschreckend realistischen Stils des aufrüttelnden Films muss man wohl auch dieses Verhalten der modernen Sklaven & ebenso das der Nachbarn, der Polizei (?) oder des Staates als sehr wahrscheinlich annehmen. Unvorstellbar & seltsam, aber so ist unsere Welt scheinbar. Sein nüchterner Vortrag ist also seine größte Stärke wie größte Schwäche zugleich - richtig spektuläre filmische oder erzählerische Highlights bleiben aus. Der Film bleibt trotzdem hängen.

Fazit: Welcome to America - durch die realistischen Umstände schockierend & niederschmetternd, dazu schweißtreibend gespielt & ein emotionaler Eiertritt. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass hier noch viel mehr drin gewesen wäre. Mehr Drama, mehr Schock, mehr Spannung, mehr Stil. Mehr Film, weniger Realität.
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

06.09.2016, 02:50


All you can beat

von Herr_Kees
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Der Film schiebt zwar gleich zu Beginn die bewährte "Based on real events"-Texttafel voran, schert sich selbst aber kaum um Realismus. So ist es doch höchst unwahrscheinlich, dass ein Dutzend ausgewachsener und zum Teil gut trainierter Männer erst so spät auf die Idee kommen ihre zwei Kidnapper zu überwältigen. Vielleicht es aber auch einfach nur inszenatorisches Unvermögen, denn das Setting bietet haufenweise Spannungspotenzial, das ungenutzt bleibt (Nachbarn! Geldübergaben! Familiäre Spannungen!), stattdessen bekommen wir immer wieder dieselben nervenden Folter- und Leidensszenen vorgesetzt, die KIDNAP CENTRAL eher in Richtung Exploitationfilm positionieren.
Herr_Kees
sah diesen Film im Metropol, Stuttgart

06.09.2016, 08:29


Harter Tobak

von ArthurA
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Kidnap Capital ist vermutlich der ultimative Feel-Bad-Film des Festivals und zugleich auch die erste richtige Überraschung, die ich dieses Jahr gesehen habe. Dass Filme mit dem Mythos der USA als Paradies und Land der unbegrenzten Möglichkeiten ordentlich aufräumen, ist heutzutage natürlich nichts Neues, doch die Perspektive der illegalen Einwanderer, die bereit sind, alles aufzugeben, ihr Leben hinter sich zu lassen, um in eine ungewisse, aber hoffentlich bessere Zukunft zu ziehen, nehmen Filme immer noch nicht häufig an und gerade in unserer Zeit (und auch hier in Europa) ist das Thema aktueller denn je. Doch der Film beschäftigt sich weniger mit den gesamtpolitischen Fragen der Flüchtlingsthematik und bleibt stattdessen nah an seinen leidgeplagten Protagonisten und dem Phänomen der "Drop Houses" - Häusern, in denen die illegalen Immigranten festgehalten werden, bis ihre Verwandten oder Freunde sie freikaufen können. Es ist ein besonders perfides Geschäft, denn die Opfer sind verzweifelte Menschen in einem fremden Land, das sie nicht willkommen heißt. "Ich könnte dich töten, deine Leiche auf die Straße werfen und niemand würde je erfahren, wer du bist", droht einer der Entführer Manolo und erfasst damit die schreckliche Sachlage. Eine Texteinblendung zu Filmbeginn informiert uns, dass etwa 1000 solcher nach außen hin unscheinbarer Häuser in Phoenix in Betrieb sind, was der Stadt den titelgebenden Beinamen Kidnap Capital einbrachte. Hier geht es um hohe Geldsummen und für die Entführer sind ihre Opfer bloß Ware. Wenn man sie nicht verkaufen kann, dann wird sie eben entsorgt.

Falls es noch nicht klar ist: Kidnap Capital ist harter Tobak und obwohl man nur wenig über die Protagonisten erfährt, fühlt man dennoch sehr mit ihnen mit, wenn man sieht, wie ihre Träume von einem besseren Leben in diesem Keller endgültig zerbrechen. Kontrastiert werden die Szenen im Haus gelegentlich mit denen der perfekten Suburbia, wo die All-American Nachbarn des Hausbesitzers und Haupt-Entführers ihn und seine Frau zum Barbecue einladen, ohne zu ahnen, welche Schrecken sich nur wenige Meter von ihnen entfernt abspielen. Schade ist nur, dass die Entführer in dem Film sehr eindimensional dargestellt werden, womit man die Gelegenheit verpasst, der Komplexität der gesamten Situation gerecht zu werden, denn vermutlich ist diese Beschäftigung auch nicht für jeden der Täter der Traumberuf schlechthin.
ArthurA
sah diesen Film im Residenz, Köln - Original-Review

09.09.2016, 03:08




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