Light of My Life

Warme Herzen in kalten Bildern

von Alexander
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In einer von fast allen Frauen entvölkerten Welt, schlägt sich ein Vater mit seiner Tochter durch einsame Wälder und kalte Landschaften, immer auf der Hut, sein über alles geliebtes Kind nicht preiszugeben und ihr Geheimnis zu bewahren.

Der sehr ruhige und langsame Film erinnert mit seiner leichten Endzeit-Stimmung in Teilen vielleicht etwas an „The Survivalist“ oder „Here Alone“, reduziert den Anteil von „Action“ allerdings auf ein Minimum und setzt mit seiner nuancierten Darstellung von Menschen, die häufig auf der Grenze zwischen Gut und Böse zu wandeln scheinen, seine Akzente sehr sparsam.

Die Geschichte verlangt sehr viel Geduld, so manche Szene wirkt repetitiv und langatmig. Der Film belohnt den geduldigen Zuschauer aber mit einem durchwegs bedrohlich wirkenden, atmosphärisch dicht erzählten Drama, das man als eine Art „Endzeit Arthouse“ bezeichnen könnte. Dazu tragen kunstvoll komponierte Bilder nass-kalter Wälder und verschneiter Landschaften ebenso bei, wie die hervorragenden Darsteller.

Manchmal riskiert „Light of my Life“ zwar in eine Art „mumblecore“ abzudriften, doch die Dialog-lastigen Vater-Tochter Szenen vermögen trotzdem Empathie zu erzeugen und unterstreichen noch den verzweifelten Kampf des Vaters, seine junge Tochter um jeden Preis vor dem Bösen beschützen zu wollen, in dem er versucht, sie langsam an die neue Welt heranzuführen und ihr die fehlende Mutter zu ersetzen. Das geht mitunter schon ans Herz, driftet aber nie gänzlich in den Kitsch ab.

Casey Affleck lässt seine Protagonisten als zerbrechliche Spielbälle des Schicksals durch diese Geschichte ziehen, und mit etwas mehr Geschick, hätte sich hier sicherlich noch die ein oder andere Träne aus dem Publikum quetschen lassen.

Wenn man wirklich bereit ist sich auf „Light of my Life“ einzulassen, erwartet einen ein durchaus packender Film. Freunde von Action und schnellen Schnitten und Menschen, deren Aufmerksamkeitsspanne bereits mit Einstellungen jenseits der 30 Sekunden überfordert ist, sollten sich aber besser fernhalten.
Alexander

26.08.2019, 08:56


Die Arche Affleck

von Herr_Kees
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Einen Film mit einer rund viertelstündigen Gute-Nacht-Geschichte der Arche Noah aus der Perspektive zweier Füchse beginnen zu lassen, ist natürlich eine klare künstlerische Entscheidung, ein Statement über Art und Erzählweise des folgenden Films.

Wer also den Anfang übersteht oder womöglich gar goutiert, wird auch mit den restlichen knapp eindreiviertel Stunden von Casey Afflecks Regiedebüt zurechtkommen. Wer diese Zeitlupenerzählweise für pathetisch und prätenziös hält und der Ansicht ist, das Subgenre des Endzeitfilms habe seit THE ROAD, IT COMES AT NIGHT & Co. ohnehin nichts Neues mehr beizutragen, wird von diesem Film nur weiter ins Recht gesetzt.

Denn außer einem intensiven Vater-Tochter-Bonding passiert hier bis kurz vor Schluss kaum etwas und schon gar nichts, was man nicht in anderen Filmen schon besser, wenn auch nicht so langsam gesehen hätte. Vielleicht hätte es auch schon geholfen, die etwas rührseligen Rückblicke mit Elisabeth Moss (no offense, gute Schauspielerin) herauszunehmen.

Was jedoch wirklich unverzeihlich ist: Dass der Film das Potenzial seiner Story nicht wahrnimmt, um einen Kommentar abzugeben zu Themen wie gendergerechter Erziehung oder den wahren Konsequenzen einer Welt ohne Frauen. Aber dafür ist Casey Affleck angesichts seiner metoo-Geschichten vielleicht auch einfach nicht der Richtige.
Herr_Kees
sah diesen Film im Metropol, Stuttgart

14.09.2019, 23:06


Schleichholz

von Leimbacher-Mario
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Nachdem Casey Affleck in den letzten Jahren eher außerhalb seines Jobs mit Eskapaden, Ausrutschern und bösen Gerüchten von sich Rede machte, hat er sich nun endlich wieder auf das Wesentliche, seinen Job konzentriert und zum zweiten Mal auf dem Regiestuhl Platz genommen. Er erzählt von einem Vater, der mit seiner Tochter misstrauisch durch eine eiskalte und recht leere, gefährliche Welt streift, in der vor einigen Jahren so gut wie alle Frauen durch einen Virus ausgestorben sind. Daher muss er seine scheinbar immune Tochter als Junge tarnen und natürlich extrem vorsichtig sein, jeden Schritt und jede „Unterkunft“ dreimal überdenken und immer einen Notfallplan in der Hinterhand haben...

„Light of My Life“ erinnert selbstverständlich an „The Road“, „Children of Men“ und auch „The Survivalist“, das wird Affleck wohl sogar selbst nicht abstreiten. Doch ganz an deren Klasse kommt er nicht (zumindest an die zwei Erstgenannten). Mir hat er dennoch klasse gefallen. Wenn man sich denn auf das enorm gedrosselte Tempo, die volle Konzentration auf das ungewöhnliche Gespann und die zugegeben fehlenden echten Höhepunkte einlässt. Vielleicht gewinnt das Ding sogar noch was, wenn man selbst eine kleine Tochter hat und/oder auf die extrem realistische, bodenständige Herangehensweise anspringt. Außerdem kann man den Kameramann nicht hoch genug loben, das kleine Mädel spielt mit ungewöhnlich feinem Understatement und dennoch durchdringender Kraft für ihr Alter und Afflecks jüngere Geschichte verleiht manch einer Szene, einer Zeile oder einem Ausdruck nochmal ganz andere Brisanz und Aussage. Aber selbst ohne diese Metaebene (die man ganz sicher auch nicht zu hoch hängen sollte) hat mich das Ding in seiner ruhigen Art und mit seinen edlen Bildern gepackt und auch nur selten losgelassen. Die Stimmung, Erwartungshaltung und Wachheit sollten allerdings stimmen. Ein Polarisierer, ein ruhiges Gemüt mit Klasse, in dem es brodelt und der vor Vatergefühlen fast platzt. Paar Minuten zu viel auf den Rippen, kein Zweifel. Nicht für jeden und auf dem Fantasy Filmfest natürlich besonders arg und kritisch beäugt, vielleicht sogar fehl am Platz. Doch er hat definitiv Power und Klasse. Und durch einige Gedanken an das Videospielmeisterwerk „The Last of Us“ verdient man sich bei mir immer Bonuspunkte.

Fazit: Daughter of Men - Casey Afflecks Herzensprojekt ist eines der innigsten, emotionalsten Endzeit-Dramen der jüngeren Vergangenheit und orientiert sich deutlich an größeren Vorbildern und langjährigen Kollaborateuren von ihm. Eine mutig (manche mögen meinen langweilig) entschleunigte Vater-Tochter-Geschichte, beeindruckend gespielt und vertont, edelst aufgenommen und einfach ein Charakterdrama von Format. Apokalypse braucht nicht immer Zombies und Blutrunst.
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

15.09.2019, 01:59


Leise und eindringlich

von Epiphanie
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Es ist schade, dass dieser Film so viele schlechte Bewertungen erhalten hat, weshalb ich unbedingt eine Lanze für ihn brechen möchte. Ja, er kommt leise daher, aber das ist auch richtig so und Kalkül.

Post-apokalyptische Filme schicken uns als Zuschauer in eine Welt, in der alle Sicherheiten unserer Zivilisation verloren gegangen sind und das Schlechteste, aber mitunter auch das Beste im Menschen zutage gefördert wird. Ein guter Film dieses Genres schafft es, neben den offensichtlichen Bedrohungen wie dem Kampf oder dem Handel um Ressourcen weitere zu generieren, mit denen man primär gar nicht gerechnet hätte.

Light of My Life lebt davon, dass wir mit Casey Affleck mitfühlen, wie er seiner Tochter Bildung und Werte vermittelt, die so gar nicht zu der Welt passen, in die sie hineingeboren wurde, um eine Normalität aufrecht zu erhalten, die es eigentlich nicht mehr gibt. Es schmerzt geradezu zu erleben, wie er als fürsorglicher Vater seine Tochter um jeden Preis vor dem zu schützen versucht, was ihr droht, wenn sie je entdeckt würde. Diese Bedrohung schwingt stets mit, existiert jedoch nur in der Fantasie des Zuschauers und braucht nicht ausgesprochen zu werden.

Der Film lebt von seinen Dialogen, die den größten Teil des Films ausmachen, und nur durch wenige Action-Szenen unterbrochen werden. Die Landschaftsaufnahmen herbstlicher Wälder und verschneiter Berge sind grandios und unterstreichen die Düsternis einer Welt ohne Frauen und Kinder, also einer Welt am Ende ihrer Existenz. Ich kann verstehen, dass dieses Setting nicht jeden mitreißt, hoffe aber, dass der Film seine Chance bekommt. Vielleicht ist er außerhalb des Festivals besser aufgehoben, wenn man nicht derart reizüberflutet ist.
Epiphanie
sah diesen Film im Metropol, Stuttgart

17.09.2019, 00:51


Daddy of the year award. Seriously.

von Cinescout
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FFF 2019. Letzter Tag. Zweiter Slot. Angekündigt war ein Film in der Tradition von The Road oder Children of Men. Bekommen haben wir einen Verwandten, allerdings viel näher an unserer Zeit.

In Casey Afflecks ersten reinrassigen Narrativfilm wird uns die Geschichte eines Vaters und seiner Tochter geboten, die Aufgrund einer nicht näher beschriebenen biologischen Katastrophe mit einer Welt konfrontiert werden in der es kaum noch Frauen gibt. Alle gesellschaftlichen Konsequenzen gerade in der nordamerikanischen Welt werden nur durch die Perspektive des Protagonisten gezeigt. Dadurch bleibt die Exposition bei einem Minimum und es liegt am Betrachter sich durch kleine Hinweise und das Verhalten der Figuren ein Bild zu machen.

Der Film bietet eine sehr konsequente und unheimlich gradlinige Geschichte. Casey Affleck zeigt sowohl als Regisseur sowie als Hauptdarsteller eine bemerkenswert gute Leistung. Dass er emotionale Rollen mit hohem Empathiefaktor spielen kann bewies er ja mit Manchester by the Sea unter der Regie von Kenneth Lonergan. Hier hat er sich auch wohl einige Motivationen für sein eigenes Werk geholt. Besonders gefallen hat mir die Zeichnung der Vaterfigur. Seine sehr beschützende und restriktive Art und Weise seine Tochter vor Fremden abzuschirmen wirkt am Anfang dem flüchtigen Betrachter als Übertrieben, im weiteren Verlauf zeigt sich aber ein doch differenziertes Bild, indem seine hohen moralischen und ethischen Ansprüche auch getestet werden und er (wie auch wir in unserem Leben) stets zwischen Vorsatz/Selbstverständnis und der praktischen Durchführung abwägen muss. Die Leistung der Protagonistin ist ebenfalls stark und gut geschrieben, da hier endlich mal ein Kind sich nicht nur altersgerecht, sondern auch den Umständen entsprechend verhält. Denn in Ihr spiegelt sich gut die jahrelange Erziehung des Vaters wieder, die nun im fortschreitenden Alter durch individuelles Aufbegehren teilweise durchbrochen wird ohne gleich völlig aus dem Ruder zu laufen. Auch die kleinen Sachen wie realistische Darstellung vom Leben in Wäldern und was es psychologisch bedeutet auf sich alleine gestellt zu sein, um seine Existenz letztlich nur in den Dienst seines Kindes zu stellen, ist eine willkommene Abwechslung zu den sonst in den aktuellen Filmen dargestellten Rabeneltern mit Ihren teilweise wirklich menschenunwürdigen Entscheidungen.

Ein Film auf den man sich einlassen muss aber der einen definitiv dafür belohnt. Für mich zusammen mit Miikes unterhaltsamen Liebesfilm der beste Film des Festivals.
Cinescout
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

19.09.2019, 20:12




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