crazy

The Personal History of David Copperfield

A personal history of grotesque overacting

von Alexander
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Der gesamte Cast dieser sehr freien Interpretation von Dickens „David Copperfield“, springt und albert sich mit einem grotesk aufgesetzt wirkenden Dauergrinsen durch die endlose Länge dieses furchtbaren Films, das man mehr als nur einmal die Vermutung hat, die Schauspieler wären permanent auf THC gewesen.

Dabei wirkt das ungelenk inszenierte und alberne Getue wirklich jedes Charakters allerdings so hölzern, die kleinen doofen Witzchen so aufgesetzt gewollt, und das ständige Gequietsche und Gegackere wirklich aller Darsteller so dämlich, dass sich sogar kleine Kinder fremdschämend von der Leinwand abwenden dürften. Und das einzige, was mir noch mehr auf den Keks ging, als das ständige Overacting wirklich aller Beteiligten und die total unlustigen, eingestreuten „komödiantischen“ Elemente, war das naive Dauergrinsen der Hauptperson, die mit Dev Patell meiner Ansicht nach einfach nur grandios schlecht besetzt ist.

Zu allem Übel sieht der Film auch zu keiner Sekunde wirklich besonders berauschend aus. So viel Farbe wie nur möglich über einem Setting auszuschütten macht eben noch kein fantastisches Ambiente, wenn die Kulissen meistens eben nur nach Kulissen aussehen und man die wenigen innovativen Einfälle und Schauwerte des sehr langen und langweiligen Films an einer Hand abzählen kann. Die Kamera ist unspektakulär, der Score absolut banal, die Dramaturgie eine Katastrophe. So verkommen die in der literarischen Vorlage durchaus intensiven, ernsten und auch vereinzelt bitteren Szenen hier zu einer Farce mit dem befremdlichen Charme einer öden Sitcom. Der gute Charles Dickens dreht sich bestimmt im Grabe um.

Als Drama also durchgefallen, als Komödie aber genauso untauglich, wobei sich „The Personal History of David Copperfield“ leider an keiner Stelle wirklich entscheiden kann, was von beidem er denn nun eigentlich sein möchte. Denn eigentlich hat man aufgrund der komödiantischen Inszenierung und der grotesken Charaktere wegen die ganze Zeit das Gefühl, nur eine Art schlechte Verfilmung von Alice im Wunderland zu sehen. Zwar ist alles quietschbunt und mit bemüht „schrägen“ Einfällen garniert, es fehlt aber vollkommen an wirklich inspirierten oder emotionalen Momenten, die einen entweder audiovisuell zu überwältigen wüssten, oder zumindest dramaturgisch einen Akzent zu setzen in der Lage wären, um den Zuschauer auf emotionaler Ebene abzuholen. Wirklich jede Szene, und sei sie im Kern doch noch so böse, wird früher oder später durch den Klamauk-Kakao gezogen, dies allerdings so talentfrei, dass ich es während des gesamten Films nicht ein einziges Mal schaffte auch nur zu grinsen, geschweige denn zu lachen. Nichts ist wirklich lustig, kaum etwas spannend, und nur wenig interessant genug, um nicht bereits in der ersten Stunde einzuschlafen.

Ganz selten blitzt mal so etwas wie ein kleiner Moment des Zaubers auf. Dann erinnert der Film an Szenen eines Werks von Terry Gilliam, erinnert ein klein wenig an wunderbare Werke wie „Doktor Parnassus“ oder „Tideland“, um kurz darauf aber schon wieder auf dem Abstellgleis kommerzieller Banalitäten zu landen. Da helfen auch kein Hugh Laurie oder eine Tilda Swinton (die ich ebenfalls und erstmals richtig schrecklich fand) mehr, wenn sie bemüht bis verzweifelt gegen ein vollkommen wirres Drehbuch ankämpfen müssen. Was für eine Grütze.

Wer hat noch gleich sowohl Drehbuch als auch Regie verbrochen und wollte den Mist obendrein auch noch selber produzieren? Ein gewisser Armando Iannucci. Aha.

Hätte man vielleicht einem visionäreren Regisseur wie Terry Gilliam oder Tim Burton die Regie übergeben, so wäre hier unter Umständen noch etwas zu retten gewesen. So aber wirkte „David Copperfield“ auf mich wie der bemühte Versuch mal „etwas Anderes“ zu machen – für an der Buchvorlage von Charles Dickens interessierte Erwachsene zu simpel inszeniert, für Kinder aufgrund der Länge und der bizarren Interpretation wahrscheinlich vollkommen unverständlich. Eben nur gewollt, aber halt nicht gekonnt. Überhaupt nicht. Für mich der nervigste und langweiligste Film des Jahres.
Alexander

08.09.2020, 19:10


Magical History Tour

von D.S.
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Um mal der übermäßigen Abneigung gegen den Film auf diesen Seiten etwas entgegenzutreten: COPPERFIELD ist ein wunderbar buntes, fantasievolles, teils magisch gestimmtes Spektakel, das mitunter stark an Werke speziell von Wes Anderson, Tim Burton, Terry Gilliam oder auch Jean-Pierre Jeunet erinnert – und damit ein lupenreiner Fantasy-Film im eigentlichen Sinne.

Dabei muss man die Exaltiertheit nicht unbedingt schätzen, mit der hier zahlreiche Figuren auftreten. Vielleicht kann man sich auch ob mangelnder Werktreue brüskiert fühlen – ich habe Dickens‘ „David Copperfield“ leider nie gelesen und kann das deshalb nicht beurteilen. Zumindest das herausragende technische Niveau der Verfilmung von Armando Iannucci (THE DEATH OF STALIN) sollte jedoch unstrittig sein: speziell Set-Design, Kostüme und Kameraarbeit sind bestechend.

Daneben hat mich aber zum Einen insbesondere auch der kunstvolle Umgang mit Sprache begeistert, der hier zelebriert wird – auch wenn der vermutlich eher der Literaturvorlage geschuldet ist. Und zum Anderen der erzählerische Fluss, der die epische Geschichte ohne Längen elegant von einem Abschnitt zum nächsten leitet, und dabei immer wieder bei faszinierenden Set-Pieces, die wie Pop-up-Zauberlandschaften wirken, einen Zwischenstopp einlegt.

Sicherlich haben auch die großartigen darstellerischen Leistungen der mit Superstars durchsetzten Schauspielerriege dazu beigetragen, dass ich mich insgesamt ausnehmend gut unterhalten gefühlt habe. Neben Dev Patel als zeitgemäß interpretierter David/Daisy/Doady stechen insbesondere Peter Capaldi (PADDINGTON), Hugh Laurie (DR. HOUSE) und natürlich Tilda Swinton (Tilda Swinton) hervor.

Im Rückblick hat mich aber am meisten beeindruckt, wie virtuos die Inszenierung auf der emotionalen Klaviatur des Betrachters spielt. Denn wenn THE PERSONAL HISTORY OF DAVID COPPERFIELD an der Oberfläche auch wie ein beschwingtes, buntes, magisches Märchen daherkommt, ist der Film doch durchwoben von einer tiefen Melancholie; von einer mitunter sogar resigniert wirkenden Traurigkeit ob des Schicksals, ob der sozialen Ungerechtigkeit, mit der die Protagonisten konfrontiert werden.

Wer die Vorlage kennt, mag anders urteilen, für mich ist COPPERFIELD eine der positiven Überraschungen des Festivals. Ein Stück filmischen Zaubers mit Nachklang, das die große Leinwand verdient. Gute 6,5 von 10 Punkten.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

13.09.2020, 12:05




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