Mother of Tears: The Third Mother

Schwacher "Mütter"-Abschluss

von Herbert.West
Dario Argento hat schon wieder eine Komödie gedreht. Natürlich lag das keineswegs in seiner Absicht, aber ich habe nie eine spaßigere Argento-Parodie gesehen als "The Mother of Tears". Zuvor hatte sich die Horrorlegende ja schon in "The Card Player" (2004) erfolgreich im Genre der unfreiwilligen Selbstpersiflage geübt. War jener Film jedoch von der ersten bis zur letzten Minute einfach nur schlecht und peinlich (aber lustig!), so schleichen sich in "Mother of Tears" auch wieder einige - wenn auch wenige - gelungene Elemente ein.

Zunächst einmal handelt es sich bei dem Film bekanntermaßen um den von Fans seit Jahrzehnten (!) erwarteten Abschluss von Argentos "Mütter"-Trilogie, die ihren Anfang mit dem grandiosen "Suspiria" (1977) nahm, und die drei Jahre später mit dem nicht mehr ganz so großartigen, aber immer noch sehr sehenswerten "Inferno" (1980) fortgesetzt wurde. Nun, 27 Jahre sind eine lange Zeit, und diese ist nicht spurlos an Argento vorbeigegangen. Seine Ruhmestage liegen lange zurück, und spätestens nach "Opera" (1987) nahm die Qualität seines Schaffens merklich ab. Gelegentlich gab es auch später noch einen "Ausrutscher" nach oben - beispielsweise "The Stendhal Syndrome" (1996) und "Sleepless" (2001) -, aber die Tendenz zeigte nach unten und fand ihren Tiefpunkt im bereits erwähnten "The Card Player", mit dem Argento schon mal ordentlich Anlauf nahm, seinen bis dahin sehr guten Ruf nachhaltig zu beschädigen.

Argento ist im Gegensatz zu seinem Freund und Kollegen George A. Romero - mit dem Blogger-Zombie-Film "Diary of the Dead" (2007) - filmisch scheinbar noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Nichts gegen einen schön altmodisch inszenierten Film (im Gegenteil!), aber Argentos Stil wirkt heutzutage einfach nicht mehr frisch, sondern antiquiert. Das sieht man auch in seinem unbeholfenen Umgang mit modernen Technologien. Die zahlreichen CGI-Effekte in "Mother of Tears" sehen richtig armselig aus und tragen bestimmt nicht zur Atmosphäre des Films, sondern höchstens zur Erheiterung des Zuschauers bei. Sicherlich war das Budget des Films nicht so hoch, als dass man sich erstklassige Effekte hätte leisten können - aber erstens gibt es dann die Möglichkeit, ganz darauf zu verzichten. Und zweitens sieht man an dem holprigen Einsatz der Effekte (also unabhängig von ihrer schlechten Beschaffenheit) überdeutlich, dass das alles für Argento ein Buch mit sieben Siegeln ist. Mit anderen Worten: Durch die CGI-Anbiederung hat sich Argento keinen Gefallen getan, sondern ein klassisches Eigentor geschossen.

Der Plot des Films ist unglaublich konfus und voller unlogischer Wendungen. Ich muss aber zugeben, dass dieser Aspekt des Films gerade deshalb einen Heidenspaß macht (wenn auch eher aufgrund der unfreiwilligen Komik des Ganzen). Argento feuert seine trashigen Ideen aus allen Rohren, so dass man viel Abwechslung geboten kommt und nie weiß, was für bizarre Dinge einen als nächstes erwarten. Natürlich ist nur das wenigste davon gut, aber fast alles ist unterhaltsam. Nach dem Motto: Wenn schon schlecht, dann bitteschön so schlecht, dass es schon wieder gut ist. Die darstellerischen Leistungen sind unter aller Sau, auch die von Töchterlein Asia, die hier die Hauptrolle spielt und in der Vergangenheit schon gezeigt hat, dass sie mehr kann. Was soll man aber auch machen, wenn man hanebüchene Dialoge zum Sprechen bekommt, für die sich sogar Uwe Boll in Grund und Boden schämen würde? Udo Kier macht in seinem kurzen Auftritt noch das beste daraus und legt seine Rolle mit einer guten Portion Selbstironie an.

Wer sich von "Mother of Tears" ein visuelles Fest erwartet hat und das hier liest, hat schon weiter oben im Text einen Dämpfer erhalten. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass "Suspiria" der vom visuellen Standpunkt schönste aller Horrorfilme ist und zähle ihn zu meinen zehn Lieblingsfilmen in diesem Genre. "Suspiria" - als Höhepunkt in Argentos Schaffen - sowie natürlich auch die Fortsetzung "Inferno" und einige weitere seiner Filme wie "Phenomena" (1985) haben einen starken surrealen Touch und eine märchenhafte Atmosphäre, wie man sie davor höchstens noch von Mario Bava, danach jedoch niemals wieder zu sehen bekam. Weder von Argento selbst noch von einem anderen Filmemacher. "Mother of Tears" hat zwar nicht eine gar so triste TV-Optik wie "The Card Player", lässt aber jegliche optische Extravaganz, die man bei einem "Mütter"-Film eigentlich erwarten dürfte, völlig vermissen. Eben wie erwähnt billige Computereffekte statt surrealer Ausleuchtung und Kameraeinstellungen und -fahrten.

Ab und an blitzt aber doch die ehemalige Klasse des Maestros auf und weckt wehmütige Erinnerungen an bessere Zeiten. In kurzen Momenten (wenn gerade niemand redet oder sonst etwas Peinliches passiert) kommt sogar ansatzweise so was wie Atmosphäre auf. Der Soundtrack Claudio Simonettis kommt zwar bei weitem nicht an die Goblin-Werke, die Argentos beste Filme untermalt und wesentlich zur Gesamtwirkung der Filme beigetragen haben, heran. Aber manchmal weht auch vermittels der Musik ein leichter Hauch des früheren Argento durch den Film. Viel zu selten natürlich. Zudem sind einige Kamerafahrten wirklich gelungen. Erwähnenswert sind die zwar nicht sehr zahlreichen, aber dafür ultraharten Gore-Effekte, die sehr gut gemacht sind und vom Härtegrad her die "Saw"- oder "Hostel"-Filme deutlich in den Schatten stellen. Probleme mit der FSK sind hier schon vorprogrammiert. Damit sind die wenigen positiven Seiten des Films genannt, die immerhin noch dafür sorgen, dass ich den Film zwei Punkte besser bewerte als "The Card Player" seinerzeit.

Hoffentlich ist Argento nach diesem verspäteten Abschluss seiner "Mütter"-Trilogie der Ansicht, dass sich der Kreis geschlossen hat und dass er sich jetzt in den wohlverdienten Ruhestand verabschieden kann. Finanziell ist er bestimmt so gut gepolstert, dass er es in Zukunft nicht mehr nötig hat, weiterhin am eigenen Denkmal zu sägen.
Herbert.West

27.07.2008, 13:02



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