Tale 52

Wenn ich groß bin, werde ich Lynch.

von D.S.
"Dies ist nicht meine Geschichte. Es ist eine Geschichte eines Mannes, die seiner Geschichte ähnlich ist."

Oho. Fangen wir den Film also gleich mit einem kleinen Hirnverdreher an. Und so machen wir dann auch weiter - nach einer halben Stunde zu Beginn, die leider nur schrecklich öde ist und in der wir eine Handvoll nicht eben hübscher Leute beim Essen, Trinken, Reden und Liebe machen beobachten. Aber dann. Dann. Dann legen wir richtig los und verschieben alle Ebenen der Realität in so multipler Weise, dass sich garantiert niemand mehr zurechtfindet. Was wir dann noch ein paar Mal wiederholen.

"Und täglich grüßt das Murmeltier" trifft David Lynch - klingt spannend, oder? Ist es auch, und zwar nicht zu knapp. In der Theorie jedenfalls. Aber naja... es gibt da eine Stelle in der Mitte des Films, in der sich die beiden Protagonisten über ein Theaterstück unterhalten, das sie gerade gesehen haben. Und sie kommen zu dem Schluss: das Thema war sehr interessant. Aber wenn einfach nichts passiert... zwei Stunden lang... dann ist das langweilig! Und weiter im Dialog: "Der Typ neben mir ist eingeschlafen... ich hab mir überlegt, ob ich das nicht auch tun sollte."

In diesem Moment fragte ich mich, ob sich "Tale 52" hier gerade auf einer Metaebene über sich selbst lustig macht. Denn genau das ist das Problem des Films: die Idee hinter der Handlung und ihr Layout ist ziemlich faszinierend. Aber es passiert einfach nichts. Saft- und kraftlos schleppen wir uns durch die ausnahmslos trüben, tristen Settings und erleben verschiedenste Variationen derselben langweiligen Situationen, die es nicht ein Mal schaffen, zu fesseln. Da helfen weder der penetrant "mysteriöse" Soundtrack noch die unglaubliche Vielzahl an Lynch-artigen "Schlüsselbildern" - vom bedrohlichen Schimmelpilz an der Zimmerdecke über den Zahnpastafleck auf dem Pyjama bis zum Auto in der Tiefgarage. Sie alle tauchen ungefragt immer wieder auf und versuchen, neben einem Fragezeichen auf der Stirn des Betrachters auch ein Drängen nach Erklärung in ihm zu wecken. Das schaffen sie aber nicht, weil es der Story und vor allem ihren Protagonisten einfach nicht gelingt, so was wie Involvement zu erzeugen.

Ach ja, die Story: Iasonas hat ein paar Freunde zum Essen eingeladen. Es kommt auch Penelope. Der recht unbeholfene Nerd-Typ verknallt sich in sie, und auch die gealterte Damsell scheint ihm nicht abgeneigt. Man kommt sich näher und näher, sie zieht zu ihm, und dann ist sie weg. Was Iasonas sehr überrascht, denn seiner Meinung nach war sie nur kurz in der Apotheke. Was ist passiert? Wie sich herausstellt, fehlt ihm eine Woche seiner Erinnerung... Aber dann stellt sich noch viel mehr heraus. Auch über Iasonas selbst - und vieles, was wir zunächst über ihn erfahren haben, scheint plötzlich nicht mehr zu stimmen...

"Tale 52" springt mit uns durch Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft - der Film spielt übrigens 2010/2011, was dem Ganzen wohl noch etwas mehr "Mystery"-Flair verleihen sollte, für die Story hat das jedenfalls keine Bedeutung. Aber auch die Grenzen zwischen Realität, Traum und Psychose werden mehr und mehr aufgehoben, gemeinsam mit der Hauptfigur verlieren wir die Kontrolle über das, was wir sehen und zielstrebig den Boden unter den Füßen.

Das klingt alles ziemlich aufregend, und in den Händen eines besseren Regisseurs wäre es das vielleicht auch geworden. So aber kriecht leider das Geschehen recht uninspiriert, unmotiviert und distanziert dahin. Wobei man zu allem Übel auch noch das Gefühl nicht loswird, dass hier jemand mit aller Macht versucht hat, etwas Schräges abzuliefern. Wozu ihm aber die inszenatorischen Mittel gefehlt haben. Trotz der schönen Idee und der hier definitiv nicht vorhandenen Vorhersehbarkeit bleibt man deshalb recht teilnahmslos zurück; das Schicksal der Figuren war mir ziemlich egal - was aber sicher auch an den nur begrenzt fähigen Darstellern lag.

Mein Urteil: Gewollt, aber nicht wirklich gekonnt. Aber der oben genannte Dialog legt ja immerhin nahe, dass das dem Regisseur (oder einem bösartigen Drehbuchautor) auch selbst aufgefallen ist. Ich hoffe also weiter für den griechischen Lynch und vergebe solange 5 Punkte.
D.S.
sah diesen Film im Metropolis 3, Frankfurt

29.08.2008, 05:30



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