Martyrs

Sehr, sehr seltsam...

von D.S.
...ist fast das Einzige, was ich ein paar Stunden nach Sichtung zu "Martyrs" sagen kann. Habe das starke Gefühl, den Film noch ein paar Tage sacken lassen zu müssen, bis ich mir eine finale Meinung zu ihm bilden kann. Was aber in gewisser Hinsicht natürlich doch schon wieder etwas über seine Qualität aussagt: er erfordert Nachdenken, und er bringt einen zum Nachdenken. Was bedeutet: er hinterlässt Eindruck. Und das nicht zu knapp.

Was sicherlich auch an seiner Form von Gewaltexzessen liegt. Wobei man sich hier wirklich nicht vom Hype und gewissen Äußerungen - gerade auch seitens Rosebud - blenden lassen darf: "Martyrs" ist bei weitem nicht der brutalste Film, den die meisten FFF-Besucher je zu Gesicht bekommen haben. Was allein das physische Level angeht, liegen etwa jüngere Schlachtplatten wie "Inside" oder "Frontier(s)" deutlich vor ihm. Aber auch von der psychischen Intensität der Gewalt her wird "Martyrs" von anderen zumindest erreicht, ich denke etwa an "High Tension" oder "Irreversible".

Also, Gang zurückschalten - das unerträgliche Monster ist "Martyrs" unter Goregesichtspunkten nicht, jedenfalls nicht für Genrefans. Was nicht heißen soll, dass das hier Gebotene harmlos wäre. Für Ungeübte über weite Strecken sicher kaum verdaulich, und bestimmte Szenen werden auch Hartgesottenen schwer im Magen liegen.

Was den Film aber vor allem so eindrucksvoll macht und ihn weit über gewöhnliche Hackfeste hinaushebt, ist die sehr merkwürdige Story. Man darf wirklich nicht zu viel vorab verraten - zum einen, weil die Wendungen der Geschichte viel Kraft aus ihrer Überraschung beziehen. Und zum anderen, weil einiges hier reine Interpretationssache ist...

Aber soviel: was zunächst nach einer Story um Kindesmisshandlung und späte, brutale Rache aussieht, bekommt im zweiten Drittel des Films ganz und gar untypische Elemente hinzuaddiert, die für einiges an Schock und sogar Grusel sorgen. Womit "Martyrs" aber noch lange nicht alles gegeben, bei weitem noch nicht alle Abgründe aufgedeckt hat. Und von Anfang bis Ende gilt: das Dargebotene hat eine hohe Intensität, man leidet mit, man will oft einfach nur noch wegschauen.

Die Meinungen gehen nun sehr auseinander: für viele, mit denen ich gesprochen habe, ist die Brutalität in diesem Film kompletter Selbstzweck und von der Story durch nichts gerechtfertigt. Das sehe ich zu 100% anders - für mich haben wir es hier mit einem der seltenen Fälle zu tun, in denen jede einzelne Gewaltszene von der Story nicht nur aufgefangen, sondern auch begründet wird. Auf eine selten originelle Weise sogar - schon hundert Mal gehört hat man eine solche Geschichte definitiv nicht.

Ich weiß nur noch nicht, ob ich ebendiese Story nun sensationell blöde oder faszinierend finden - und damit auch nicht, wie sehr ich den Film nun tatsächlich schätzen soll. Aber allein schon durch das Ungewöhnliche seiner Idee und die ungewöhnliche Intensität ihrer Verbindung mit einem sehr hohen Gewaltlevel halte ich "Martyrs" für unbedingt sehenswert. Er versucht nicht einfach nur, neue Blutrekorde aufzustellen (was ihm auch nicht gelingt) - sondern in seiner Erzählung eigene Wege zu gehen.

Formell wird das leider nur bedingt unterstützt, ein paar Längen hat sogar dieses Gemetzel aufzubieten und richtig "groß" ist die Story natürlich keinesfalls. Aber sie gibt einem Stoff zum Nachdenken und Nachfühlen. Und das ist schon mehr, als die meisten Genrevertreter heute schaffen.

Kein over-the-top-Blutbad wie "Inside", keine (rasante) Storydutzendware wie "Frontier(s)", keine Intensitätsgranate wie "High Tension". Aber ein zusammengenommen reichlich extremes Etwas. 7,5 Punkte von mir. Vorläufig.
D.S.
sah diesen Film im Metropolis 6, Frankfurt

30.08.2008, 05:20



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