Downloading Nancy

Leben und andere Grausamkeiten

von D.S.
Ein sehr ernsthafter, ein sehr ruhiger, ein sehr nahe gehender, ein sehr dramatischer Film. Hervorragend gespielt und von Christopher Doyle hervorragend gefilmt. Von mir leider kaum angemessen zu bewerten, weil als fünfter Film des Tages um Mitternacht gesehen, und dann auch noch im Anschluss an "Martyrs" - der mich zu diesem Zeitpunkt noch ganz frisch beschäftigte.

Im Vergleich zu jenem fehlte "Downloading Nancy" etwas die Kraft, um mich unmittelbar aufzuwühlen, was aber unter diesen Bedingungen auch kein Wunder war. Wenn man sich aber auf den Film einlassen kann, auf die bedächtige Erzählweise, auf die vielen vielen Zwischentöne und die sich erst Stück für Stück erschließenden wirklichen Hintergründe des Geschehens... dann wird man in ziemlich freudlose Abgründe des Lebens gestoßen. Nämlich in die, die sich Leere, Sinnlosigkeit und absolute Freudlosigkeit eines belanglosen Daseins nennen.

Und was das Ganze erst so richtig bitter macht: diese Abgründe Nancys sind nicht die eines in irgendeiner Weise schlimmen Schicksals. Natürlich, sie wird von ihrem Mann vernachlässigt und sogar ignoriert, treibt in kalter Einsamkeit durchs Leben und findet nur noch in der E-Mail-Kommunikation mit einem sexuell dominant veranlagten Fremden etwas, das ihr Auftrieb gibt - da er ihr offensichtlich Interesse entgegenbringt. Sie sich damit wieder "sinnvoll" oder jedenfalls existent fühlt. Tatsächlich aber kann man aus der Geschichte dieses Films auch etwas viel Existenzielleres herauslesen. Nämlich die ungemütliche Wahrheit, dass Leben als solches nichts wert ist. Solange man kein Ziel mehr für sich findet, auf nichts hin lebt, von keiner Hoffnung mehr aufrecht erhalten wird - solange können die Rahmenbedingungen noch so sehr in Ordnung sein, man wird nur unglücklicher und unglücklicher, falls man sich selbst gegenüber ehrlich ist.

Nur, was macht man dann, wenn man das erkennt? Kann man diesen Zustand überhaupt noch verändern? Sich allein durch eine bewusste Entscheidung ein neues Leben verschaffen? Oder bleibt einem am Ende nicht doch nur die Suche nach dem am besten geeigneten Weg, sich wieder lebendig zu FÜHLEN - sei es durch Selbstverletzung, sei es durch die physische Flucht aus dem Bestehenden?

So habe ICH den Film gelesen. Aber er bietet natürlich auch die einfache Betrachtung des Schicksals einer einzelnen Frau an, die noch einmal einen Grund dafür finden möchte, am Leben zu sein. Und die mit ihrem bisherigen Nicht-Leben abschließen, abrechnen möchte. Wie auch immer man das Gesehene deutet, Antworten werden nicht viele gegeben, allgemeingültige schon gar nicht. Und auch in der Einordnung, der Bewertung seiner durch die Bank großartig besetzten und gespielten Charaktere hält sich "Downloading Nancy" angenehm zurück. Man muss sich seine eigenen Gedanken machen - was man zunächst über eine Figur zu wissen, zu verstehen glaubt, kann sich im Laufe des Films durchaus verschieben.

Sehr viel Symbolgehalt, sehr wenig Konkretes. Sehr viele Dialoge, sehr wenig Handlung im klassischen Sinne. Sehr viele Gedanken, sehr viel Tiefe, sehr viel Unterkühltheit und, darunter verborgen, sehr viele Emotionen. Aber auch sehr wenig Tempo. Ein Film, für den man sich Zeit nehmen und auf dessen deprimierende Schwere man sich einlassen muss. Das konnte ich in diesem Moment nur bedingt - darum von mir nur 6,5 Punkte. Aber eine Empfehlung.
D.S.
sah diesen Film im Metropolis 3, Frankfurt

30.08.2008, 05:32



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