The Substitute

Frauen kommen von der Venus. Oder so.

von D.S.
So sieht das also aus, wenn ein Spezialist für Erwachsenen-Thrill einen Kinderfilm inszeniert: phantasievoll, tempogeladen, stets auf der Seite seiner Protagonisten stehend - ohne sich anzubiedern oder Realitäten zu verleugnen, was etwa kindliche "Nettigkeiten" untereinander angeht.

Als eine neue Vertretungslehrerin eine dänische sechste Klasse heimsucht, ist Carl endlich nicht mehr der einzige Loser, das einzige Opfer: sie macht sie alle auf eiskalte, rücksichtslose Weise fertig, gibt jeden einzelnen Schüler vor allen anderen der Lächerlichkeit preis. Es scheint fast folgerichtig, dass ausgerechnet Carl damit die geringsten Probleme offenbart: er schluckt es nur stoisch, offenbar gleichgültig, wehrt sich nicht. Schließlich ist er es gewöhnt, dass man auf ihm herumhackt. Und schließlich zählt für ihn ohnehin nur die Erinnerung an seine Mutter. Die nicht tot, sondern nur "irgendwo anders" ist. Als Carl dann jedoch zufällig entdeckt, welches Geheimnis hinter der bösartigen Hexe steckt, ändert sich das: er muss dringend auch seine Klassenkameraden von seinen Erkenntnissen überzeugen. Nur - wie tut man das, wenn man von allen grundsätzlich für einen Spinner gehalten wird? Und wenn der Gegner mit allen Wassern gewaschen ist?

Und das ist er bzw. sie: die neue Lehrerin kennt alle Tricks, um insbesondere der Elternschaft gegenüber nicht nur unschuldig zu erscheinen, sondern sogar liebevoll, pädagogisch versiert, nur aufs Aller-, Allerbeste der Kinder bedacht. Hier beweist Regisseur Bornedal sowohl Menschenkenntnis als auch Lust an Perfidie: wie sich das Alienwesen in Gestalt von Ulla Harms ein ums andere Mal aus der Affäre zieht, ist schlichtweg genial geschrieben. Und man fühlt sich fast automatisch in die hilflose Haut der Kinder versetzt, wenn die Dame aber auch jeden Ansatz von Zweifel an ihr und ihren Methoden mit genau den richtigen Worten und Handlungen im Nu zerstreut.

"The Substitute" macht über weite Strecken enorm viel Spaß und ist ideal geeignet, um in einen schönen FFF-Nachmittag einzusteigen. Eine zwar absolut nicht neue, aber in ihrem Rahmen spannend gestaltete Story, fast nie nervende Kinderfiguren, glaubwürdige Dialoge, lustige Situationen - ein Kinderfilm in diesem Genre kann kaum besser funktionieren.

Ok, aber da der durchschnittliche FFF-Besucher die sechste Klasse schon ein wenig länger hinter sich gelassen hat, ist "The Substitute" nun wiederum auch kein Film, von dem man vollends begeistert sein kann. Wäre ja vielleicht auch ETWAS bedenklich, wenn unsere Erwartungshaltung der von 11-Jährigen entsprechen würde. So konnte ich manchmal eben doch nicht anders, als mir noch etwas mehr Bösartigkeit, Konsequenz oder auch einfach nur Tempo zu wünschen. Gerade im letzten Drittel verbleibt mir das Geschehen dann doch deutlich zu lieb, die Auflösung ist klamaukig und billig umgesetzt und es gibt eine ganze Reihe von Szenen, die man halt schon reichlich peinlich finden kann.

Insofern: hey, es ist ein Kinderfilm, und als Kind wäre ich verdammt froh gewesen, so was Smartes vorgesetzt zu bekommen. Im fortgeschrittenen Alter reicht es aber doch nicht zu mehr als 6,5 Punkten. Unter anderem auch, weil Madame Lehrerin zwar grandios fies, aber für mich schon ZU klebrig-abstoßend und damit schwer erträglich gezeichnet war.
D.S.
sah diesen Film im Metropolis 6, Frankfurt

31.08.2008, 06:14



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