Let the Right One In

Kein Vampirfilm

von D.S.
Sehr viel ist schon über das diesjährige Centerpiece geschrieben worden. Ich halte mich darum mal zurück und schreibe nur: sogar die Warnung, von "Let the right One in" keine Splatterorgien oder ähnliches zu erwarten, führt auf eine falsche Spur. Meiner Meinung nach ist dieser Film nämlich, bei (Neon-)Licht betrachtet, nicht mal im Ansatz auch nur ein Vampir-, geschweige denn ein Horrorfilm. Stattdessen: ein Film über die reine, wahre Liebe. Eine Liebe, die über allem anderen steht. Und damit bereit ist, alles andere auszulöschen - schon gar so etwas wie Unterschiede zwischen den Liebenden, seien sie auch fundamentaler Natur.

Das ist in seiner Aussage natürlich extrem romantisch. Und in "Let the right One in" in höchstem Purismus angelegt sowie sehr poetisch umgesetzt. Dankenswerter Weise sind die Protagonisten Kinder: nicht nur ist deren emotionale Reinheit und Hingabe ohne Rücksicht auf Verluste automatisch viel glaubwürdiger, als es bei Erwachsenen der Fall wäre. Damit wird, inhärent, auch die Gefahr von Kitsch minimiert. Oder wie sehr würde man sich gefühlsseitig von einer Story verschlingen lassen, die sich um zwei endgültig und vollkommen und pur und unschuldig verliebte Erwachsene dreht? Genau. Hollywood-Kitsch. Glaubt kein Mensch.

Bei "Let the right One in" aber eben doch. Denn Kinder sind willens, alles zu geben, wenn sie an etwas glauben. Auch sich selbst. Kompromisslos.

Jetzt kann man dem Film (bzw. dem Buch) natürlich vorwerfen, der ganze Vampirismus-Kram sei dann doch eigentlich völlig überflüssig, wenn er eh nur symbolhaft für etwas anderes steht. Aber mal ganz abgesehen davon, dass DIESE Form der Umsetzung Raum öffnet für einige spannende Storymomente, wenn es um Elis Qualen des Verstecktseins geht, um die Gefahr des Entdecktwerdens, um die Notwendigkeit der Nahrungsbeschaffung usw.: wie viel Aufmerksamkeit hätte diese Geschichte gefunden, wenn sie sich mit zwei ganz normalen Kindern beschäftigt hätte?

So kann man höchstens kritisieren, dass in potentiellen Betrachtern leicht falsche Erwartungen geweckt werden. Aber das ist nicht die Schuld der Story, sondern - wenn überhaupt - des Marketings. Zur Story bzw. ihrer Umsetzung im Film lässt sich nur negativ anmerken, dass sie eine ganze Weile braucht, bis sie den Zuschauer gefangen nimmt. Die Heranführung an den Kern des Geschehens ist nicht nur unterkühlt, sie wirkt auch ein wenig behäbig. Aber andererseits: dadurch werden die Figuren wohl noch viel lebendiger für uns, wir lernen sie besser kennen und entwickeln darum ein noch größeres Interesse an ihnen.

Wer noch in der Lage ist, sich von großen, reinen Gefühlen fesseln zu lassen, darf sich diesen Film nicht entgehen lassen. Wer eine Schwäche für endlose, verschneite Landschaften hat, auch nicht. Ach, eigentlich sollte ihn kein Mensch verpassen. Aber die Mehrheit würde bestimmt wieder Popcorn kauen und "langweilig" rufen. So gesehen, hat sie "Let the right One in" gar nicht verdient. Genauso wenig wie die wahre, große Liebe. Aber hey: die findet sie ja auch niemals nicht ;) 8,5 Punkte.
D.S.
sah diesen Film im Metropolis 6, Frankfurt

01.09.2008, 05:47



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