How to Get Rid of the Others

Krankheit Mensch

von D.S.
Hat wirklich jeder Mensch das Recht zu leben? Egal wie leer und stumpf seine Existenz ist, wie sehr er anderen Menschen das Leben zur Hölle macht, wie überflüssig er scheint? Ich für meinen Teil bin jederzeit gerne bereit, das in Frage zu stellen - aber da ich weder das Interesse daran noch die Macht dazu habe, muss ich mich mit solchen Fragestellungen auch nicht unbedingt beschäftigen.

Anders als die herrschende Schicht in "How to get rid of the others". Um den Sozialstaat zu entlasten, hat sie ein detailliertes Kriteriensystem entwickelt, nach dem die Bürger ihres Staates als lebenswert oder -unwert eingeteilt werden. Alle Schmarotzer und Loser werden interniert und standrechtlich erschossen. Aber nicht ohne vorherige Überprüfung per Interview - man ist ja kein Unmensch, und wenn jemand auch nur den geringsten sinnvollen Beitrag zur menschlichen Gesellschaft vorweisen kann, darf er natürlich weiterleben. Nur leider hat ein Mitglied einer Widerstandsgruppe die Gefangenen infiltriert und gibt ihnen Tipps, wie sie das Verhör unbeschadet überstehen können...

Ganz wider Erwarten ist dieser Film zwar eine bitter-, bitterböse Satire, aber bietet nur selten Lacher der Lacher wegen. Vielmehr erwartet den Zuschauer hier eine finstere Antiutopie, der Tenor von "How to get rid of the others" ist düster und ernsthaft. Am ehesten fühlte ich mich noch an "1984" erinnert - abzüglich aller Action-Anteile, zuzüglich diverser tatsächlich brutal zynischer Momente. Insofern wird der Film im Programmheft definitiv irreführend beworben: wer etwas zwar sarkastisches, aber dennoch gut gelauntes wie "Adams Apples" erwartet, wird knallhart enttäuscht werden. Dabei ist das Schüren einer solchen Erwartungshaltung hier gar nicht nötig, denn "How to..." ist ein viel relevanterer Film. Der zwar auch unterhält und reichlich böse Witze liefert, aber jedem Einzelnen noch sehr viel mehr zum Nachdenken gibt.

Das Perfide: man kann beim Betrachten kaum anders, als sich zu fragen, ob das Bewertungsmodell der hier abgebildeten Gesellschaft nicht irgendwo doch seine Berechtigung hat. Was ist denn mit all den miesen, fiesen, fetten Asi-Schlägern aus dem Elendsviertel nebenan? Den stumpfen Hauptschulflittchen? All denen, die niemals niemandem irgendetwas Gutes tun, sondern durch ihr Verhalten - wenn nicht ihre bloße Existenz - die Welt nur zu einem noch schlimmeren Platz machen? Wäre es nicht eine gute Idee, diese Leute loszuwerden?

Auch, wenn sie nicht so weit gehen mögen, Gedanken in dieser Richtung hat sich vermutlich schon fast jeder einmal gemacht. Hier werden sie mit ihrer einzigen ultimativen Konsequenz konfrontiert. Und das auf eine sehr direkte, gnadenlose Weise. Am Beispiel einiger extrem verlorener, oder doch nur ganz normaler?, "Abschaum"-Typen, über deren Schicksal ein bärbeißiger General und ein schluffiger Politiker nun zu entscheiden haben. Tja, und auf wessen Seite schlagen wir uns jetzt? Wenn wir ganz, ganz ehrlich sind...?

"How to get rid of the others" ist heimtückisch und gemein - seinen Protagonisten, mehr noch aber seinem Publikum gegenüber. Er bietet bissigste Unterhaltung und löst zugleich die Beschäftigung mit den eigenen Einstellungen der Welt und dem persönlichen Wertesystem gegenüber aus. Er ist hochgradig intelligent und gleichzeitig eine verdammt krasse Party - und wenn ihm nicht zwischendurch mal deutlich die Story-Puste ausgehen würde und das Ende des Films nicht gar so unbefriedigend wäre, dann wäre das hier eines der absoluten Highlights des Festivals. Aber auch so eine dicke Empfehlung, fast Pflicht - 7,5 Punkte. Und hey, wenn schon nicht umbringen, wie wäre es dann zumindest mit einem Fortpflanzungsverbot für die Asis der Welt...? ;)
D.S.
sah diesen Film im Metropolis 6, Frankfurt

02.09.2008, 06:55



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