crazy

The Midnight Meat Train

Anschnallen nur in Kurven nötig

von D.S.
"Midnight Meat Train" ist angenehm anzusehen, aber nur zwischendurch wirklich mitreißend. Zeitgemäß, zum Glück jedoch nicht Kitamura-hektisch gefilmt und geschnitten, aber visuell nicht außergewöhnlich. Seine Erzählung ist in sich weitestgehend stimmig und tut der Kurzgeschichte nicht Unrecht, fügt ihr aber auch nichts Wertvolles hinzu. Und leidet damit unter denselben Problemen, die viele Langfilmumsetzungen von Short Stories haben - der Plot wirkt in einigen Punkten überflüssig aufgeblasen, die Intensität der Vorlage wird durch Streckung und Unterbrechung verwässert.

Konkreter heißt das: seine Höhepunkte erreicht der Film in den U-Bahn-Szenen. Die wirken schön morbide und brutal, setzen die titelgebende Schlachthausatmosphäre eindrucksvoll um. Auch alle Szenen außerhalb der U-Bahn, in denen Vinnie Jones auftritt, können überzeugen - der Mann hat einfach eine einzigartige Präsenz und strahlt perfekt die Bedrohlichkeit seiner Figur aus. Aber leider machen die nur ein gutes Drittel des Films aus. Drumherum gestrickt ist eine gegenüber der Vorlage neu erfundene Rahmenhandlung, die aus dem Protagonisten der Kurzgeschichte einen Fotografen macht und ihn auf detektivische Mission schickt.

Zwar ist an dieser inhaltlich überhaupt nichts auszusetzen - der zu Beginn des Films geäußerte Antrieb der Figur, mit ihren Fotos das "Herz der Stadt" einzufangen, ist sogar der einzige Aspekt, in dem das zweite Leitmotiv der Kurzgeschichte Barkers Ausdruck und adäquate Umsetzung findet: die Suche nach dem, was eine Stadt ausmacht, nach ihrer Seele, nach einem Grund, sie zu lieben. Problematisch ist allerdings, dass diese Rahmenhandlung eine vergleichsweise übliche ist und sehr konventionell abgehandelt wird - was "Midnight Meat Train" über weite Strecken eben auch zu einem ganz normalen Horrorfilm macht, der zwar gut erzählt sowie spannend inszeniert ist und einige heftige Momente hat. Dem aber das Grauenhafte, Groteske von Barkers Erzählung und vor allem ihrer hochgradig verstörenden Auflösung fast komplett abgeht. Was in der Auflösung des FILMS besonders deutlich wird, wobei das hier doch fast nur eine Frage des Dialoges gewesen wäre... aber vielleicht war man der Meinung, der Originalinhalt würde das Publikum überfordern bzw. zu viele Fragen offenlassen.

Wie auch immer, von einigen kleineren Ungereimtheiten und einem großen logischen Fehler abgesehen, kann man der Filmstory nur dann einen Vorwurf machen, wenn man die unglaublich intensive und dabei auch noch philosophisch fordernde Vorlage kennt. Die Inszenierung ist dazu recht kompakt und geradlinig - dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass viele Szenen der Rahmenhandlung das Tempo des Films unnötig bremsen und ihn damit eines Teils seines Mitreiß-Potentials berauben.

Weit über dem Durchschnitt liegt der Film aber allemal, ist angenehm düster und unterkühlt sowie leidlich spannend. Und in seiner Storyidee natürlich immer noch vergleichsweise ungewöhnlich. Kann verängstigen, kann fesseln. Aber ist in seiner Konsequenz nicht nur deutlich harmloser als die Buchvorlage ausgefallen, sondern auch als der andere jüngere U-Bahn-Film. "End of the Line". Der hat mir noch um einiges besser gefallen - für "Midnight Meat Train" nur solide 7 Punkte.
D.S.
sah diesen Film im Metropolis 6, Frankfurt

03.09.2008, 05:32



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