crazy

Femme Fatale

Routine vom Meister.

von D.S.
FEMME FATALE ist einer derjenigen Filme, deren Bewertung durch den Zuschauer ganz entscheidend von der Erwartungshaltung geprägt sein wird, mit der dieser an ihn herangeht. Viele zeigen sich enttäuscht, kritisieren dünne Story und häufigen Einsatz aufmerksamkeitsstarker filmischer Mittel offenbar nur um ihrer selbst willen.

Sicherlich - an die narrative Intensität von Meisterwerken wie THE UNTOUCHABLES, SCARFACE oder CARLITO’S WAY kann FEMME FATALE ebensowenig heranreichen wie an die inszenatorische Brillianz von MISSION: IMPOSSIBLE oder auch die Bildgewalt von MISSION TO MARS. Tritt man jedoch an den Film heran, ohne sich Brian De Palmas Filmographie vor Augen zu rufen, nimmt man ihn vielleicht ein wenig anders wahr... Erst recht, wenn er, wie in Frankfurt, durch Schorsch von Rosebud mit den Worten angekündigt wird: "Alle, die meinen, sie müssen dann noch unbedingt einen erotischen Thriller von Brian De Palma sehen, können sich ja FEMME FATALE angucken." Meine Erwartung lag jedenfalls bei Null - und um so positiver wurde ich überrascht. Zum Beispiel von den Charakterzeichnungen, die zwar nicht unbedingt sehr in die Tiefe gehen, aber zumindest in Bezug auf die Hauptfiguren die (angesichts Filmtitel, Setting, Schauspielern und Storyanlage) eigentlich zu erwartenden Klischees weitgehend umschiffen. Und so dafür sorgen, daß man vom Handeln der meisten Figuren immer wieder überrascht wird. Daß man den Storyverlauf absolut nicht vorhersehen kann, daß das Geschehen immer wieder wilde Kapriolen schlägt und man ungläubig die Situation betrachtet, in der sich die Figuren nun schon wieder befinden. Überhaupt passiert hier relativ viel - Längen werden vermieden, der Unterhaltungsfaktor ist, meiner Meinung nach, hoch.

Ach ja, die Story. Kurz zusammengefaßt: Ein exakt geplanter Juwelendiebstahl während der Filmfestspiele von Cannes läuft nicht so ab wie gedacht, als Laure sich entschließt, die Beute lieber nicht mit ihren Gangsterkollegen zu teilen. Einer von ihnen, Racine, spürt sie aber in ihrem Hotel auf und wirft sie nach einer heftigen Auseinandersetzung einfach über das Treppenhaus-Geländer. Zwar war man in einem der oberen Stockwerke zugange, doch Laure stirbt nicht - stattdessen erwacht sie in einer fremden Wohnung, wo ein altes Ehepaar sich um sie kümmert. Offensichtlich verwechselt es sie mit seiner Tochter - und deren Rolle nimmt Laure bald ein, nachdem sie den Selbstmord der Tochter beobachten mußte. Sie steigt in ein Flugzeug nach Amerika, lernt einen aufstrebenden Politiker kennen - und ist ihrer Vergangenheit, der Kriminalität und Verfolgung, endlich entflohen. So scheint es zumindest. Bis sie sieben Jahre später, an der Seite ihres inzwischen zum US-Botschafter gewordenen Mannes, nach Frankreich zurückkehrt. Ein Foto, das Boulevard-Fotograf Nicolas Bardo dort von ihr schießt, ruft nicht nur ihre ehemaligen Kollegen auf den Plan und bringt sie in Lebensgefahr. Es stößt auch Bardo selbst in einen immer wilderen Strudel von Intrigen, Gewalt, Erotik - und eiskalter weiblicher Strategie. Und er muß, wie der Zuschauer, bald lernen, daß nicht alles ist, wie es zu sein scheint...

Ja, hört sich reichlich kompliziert an. Wäre es im Film vielleicht auch, hieße der Regisseur nicht De Palma und verfügte er nicht über echte erzählerische Klasse. So aber erfährt der Zuschauer immer genau so viel, wie er wissen muß, um zu einem den Filmfiguren gleichberechtigten Teilnehmer des Geschehens zu werden. Wie sie kann er manchmal der Versuchung erliegen, zu glauben, er wäre komplett im Bilde und über alle Verflechtungen der Charaktere und Situationen informiert - nur um dann durch einen Storytwist wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt zu werden. Das gefällt, das läßt einen durchaus in die Story einsteigen. Und gespannt sein, wie das ganze wohl ausgehen wird.

Ein Meisterwerk ist FEMME FATALE dabei jedoch bei weitem nicht. Trotz aller Erotik, die Rebecca Romijn-Stamos als Laure wirklich gnadenlos ausstrahlt, fehlt es dem Film spürbar an Leidenschaft. Sinnbild dafür ist vielleicht die Leistung von Antonio Banderas: unaufgeregt, sehr zurückgenommen spielt er seinen Part als Fotograf Bardo. Zwar sehr routiniert und alles andere als aufdringlich - aber eben auch, ohne weiter groß in Erinnerung zu bleiben. Zu glatt und unerheblich ist FEMME FATALE, um wirklich zu beeindrucken. Das gilt für die Story, die man - zwar bislang meist straighter und auch schwächer erzählt - durchaus schon gesehen hat, und deren Endtwist mehr als enttäuschend ist (kaum zu glauben, daß solche "Kniffe" aus der Hochzeit der Cliffhanger immer noch Anwendung finden...). Das gilt aber auch für die Inszenierung, die zwar auf einige mehr als nur stylische Sequenzen verweisen kann (wie etwa die wundervolle Juwelenraub-Passage) - insgesamt jedoch nichts Neues, nur die bewährte De Palma-Formel bietet, samt einiger Gimmicks im Bereich Kamera und Montage, deren Sinn sich mir bisher nicht erschließt.

Das Fazit: FEMME FATALE ist solide Unterhaltung. Man bekommt einige Überraschungen geboten, wobei kaum eine davon länger im Gedächtnis bleiben wird. Zu den Highlights im Schaffen De Palmas gehört der Film nicht - aber auch nicht zu den großen Enttäuschungen. Wer kann, sollte dem Film eine (in beide Richtungen) vorurteilsfreie Chance geben: zwei Stunden lassen sich auch bedeutend schlechter totschlagen. Und Rebecca Romijn-Stamos ist ein echter Augenschmaus.
D.S.
sah diesen Film im Turm-Palast, Frankfurt

26.03.2003, 02:25



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