crazy

Femme Fatale

Auch Bilder können lügen

von Jochen
Für Quentin Tarantino gab es eine Zeit lang nichts Schöneres als den Advent eines neuen Films von Brian De Palma. Erst zählte er die Monate, dann die Wochen, schließlich die Tage und Stunden. Niemand durfte ihn in die erste Vorstellung am Eröffnungstag begleiten. Es war ihm etwas Heiliges. Auch den zweiten Kinobesuch unternahm er noch solo. Erst beim dritten Mal durfte jemand mitkommen. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, an dem er sich über das neue Werk des Meisters austauschen wollte. Nur die Filme Arthur Penns hätten ihn ähnlich stark fasziniert, meint Tarantino selbstanalytisch.

Woher kommt die starke Anziehungskraft, die ein Brian De Palma Film auf Tarantino und andere Cineasten ausübt? Ganz einfach: Ein Brian De Palma Film ist ein Ereignis! Seine Filme sind großes Kino. Er kann magische Momente auf die Leinwand zaubern wie kaum ein anderer: Der Abschlussball in Carrie-Des Satans jüngste Tochter, die Museumsverfolgung in Dressed to Kill, das Kettensägenverhör in Scarface, die Panzerkreuzer-Potemkin-Hommage in Die Unbestechlichen oder der Einbruch in die CIA-Zentrale in Mission: Impossible. Alles Szenen, die man kaum vergessen wird, wenn man sie erlebt hat.

Sein filmisches Schaffen begann De Palma mit Antivietnamfilmen. Das politische Engagement blieb nicht unbeachtet. Für Greetings erhielt der Kriegsdienstverweigerer 1969 den Silbernen Bären bei den Berliner Filmfestspielen. Er war seiner Zeit voraus. Bevor die Rocky Horror Picture Show zum Kino-Kult avancierte, hatte De Palma mit Das Phantom im Paradies bereits ein düsteres Musical abgeliefert, das geschickt Faust und Phantom der Oper kombinierte, nebenbei sämtliche Musikrichtungen der letzten Dekaden persiflierte und durch seinen visuellen Einfallsreichtum die Kritiker in Verzückung geraten ließ. Carrie-Des Satans jüngste Tochter leitete nicht nur den Boom des Teen-Horrorfilms ein, sondern war auch Initialzündung für die Karriere eines bis dato erfolglosen Schriftstellers: Stephen King.

Thriller wurden jedoch zu De Palmas Markenzeichen. Für sie wurde er als einzig wahrer Hitchcock-Schüler gefeiert und gleichzeitig als dessen Plagiator gescholten. Auch MPAA und militante Feministinnen ließen ihn gern zur Zielscheibe werden. In den 70ern drehte er zwei Thriller, die das Genre visuell kräftig durchschüttelten: In Sisters-Schwestern des Bösen führte er den Split-Screen als spannungserzeugendes Mittel in die Filmwelt ein und mit Obsession kreierte er zusammen mit Paul Schrader eine Variante zu Hitchcocks Vertigo. Bis Mitte der 80er machte De Palma mit Dressed to Kill, Blow Out-Der Tod löscht alle Spuren, Scarface und Der Tod kommt zweimal seinem Ruf als unübertroffenen Thriller-Regisseur und Hollywoods Enfant terrible alle Ehre. Nach dem kommerziell äußerst erfolgreichen Ausflug in den Hollywood-Mainstream mit Die Unbestechlichen lieferte er seinen vermutlich persönlichsten Film ab, den die Kritik größtenteils lobte, die Kinogänger jedoch ignorierten: Die Verdammten des Krieges. Dem Megaflop, der Tom Wolfe-Verfilmung Im Fegefeuer der Eitelkeiten, folgte Mein Bruder Kain, eine selbstreflexive Parodie auf seine früheren Thriller. Carlito’s Way und Mission: Impossible sorgten für genügend Aufwind in den 90ern, um wieder einen persönlicheren Film verwirklichen zu können: Spiel auf Zeit – ein formales Experiment, das eindrucksvoll die manipulative Kraft der bewegten Bilder demonstriert. Mit dem vorletzten Werk, Mission to Mars, versuchte er sich im Science Fiction Genre. Optisch wie immer überragend geht die Handlung dieser Sternenoper allerdings irgendwo zwischen Erde und Mars verloren.

Warum ist Brian De Palma, der in den 70er Jahren mit Coppola, Spielberg, Lucas und Scorsese das angestaubte Hollywood-Kino der 60er in neue Höhen katapultiere, im Vergleich zu seinen Kollegen verhältnismäßig unbeachtet geblieben? Auch John Ashbrook, der kürzlich ein Buch über De Palmas Werk veröffentlichte, wundert sich darüber, denn De Palma sei schließlich beständiger als Coppola, vielseitiger als Scorsese und nicht ein solcher Selbstpublizist wie Spielberg.

Nun, sein neuester Film, Femme Fatale, der bislang nur in Frankreich, Belgien und Holland zu sehen ist und Anfang November in den USA starten wird, gibt darüber Auskunft. Ein Film für Fans und Kritiker gleichermaßen: Die Fans bekommen das geboten, was sie von De Palma erwarten, nämlich einen Cocktail der besten visuellen Einfälle seiner bisherigen Filme, die Kritiker gehen auch nicht leer aus: Die stellenweise scheinbar unplausible Handlung lässt es zum Kinderspiel werden, ihn nach allen Regeln der Kunst in der Luft zu zerfetzen. Unsinnig und unplausibel, folglich schlecht. Punkt. So und ähnlich fielen die Kritiken in Holland und Frankreich aus und Ähnliches wird geschehen, wenn Femme Fatale in Deutschland anlaufen wird. Den Stil des Films verkennt man so jedoch völlig, denn pure Realitätswiedergabe hat De Palma schon immer gelangweilt und deshalb abgelehnt.

Femme Fatale beginnt mit einer beeindruckenden Einbruchssequenz: Wir werden Zeuge wie ein Team von professionellen Juwelen-Dieben während einer großen Filmpremiere in Cannes zuschlägt. Die adrenalintreibende Montage zu Ravels Bolero ist sexy und rhythmischer als jedes Musikvideo auf MTV. Doch der Coup läuft anders als geplant und Laura, Rebecca Romijn-Stamos als bisexuelle Femme Fatale, setzt sich mit der Beute nach Paris ab. Ihre hintergangenen Komplizen melden nun Interesse an den Juwelen an und für Laura ergibt sich die Möglichkeit in die Rolle einer Doppelgängerin zu schlüpfen. Mit neuer Identität nimmt sie den nächsten Flug in die USA und lernt an Bord des Flugzeugs ihren zukünftigen Mann kennen. Abblende, sieben Jahre später: Laura, jetzt Lily, kehrt als Botschaftergattin nach Paris zurück. Der Auftragspaparazzo Nicolas Bardo (wunderbar selbstironisch: Antonio Banderas) fotografiert sie. Lily will ihm das Foto abluchsen, doch zu spät: Die betrogenen Schurken erkennen sie wieder und ein verzwickter Kampf um die Juwelen bricht los.

Femme Fatales zweiter Akt erinnert etwas an das Kino David Lynchs. Befinden wir uns in der Realität oder in einem Traum? Im Gegensatz zu Lynchs Filmen werden in Femme Fatale jedoch alle losen Enden in einem spektakulären Finale zusammengeführt. Das wirkt zwar stark konstruiert und untergräbt die Glaubwürdigkeit der Handlung, doch dies ist genau der Kern zum Verständnis De Palmaschen Kinos: Ästhetik geht vor Plausibilität.

Femme Fatale steht eindeutig in der Tradition De Palmescher Thriller. Kein anderer Regisseur hätte den Film so machen können. Man bekommt hier nichts wirklich Neues vom Altmeister des Thrillers geboten. Femme Fatale wirkt eher wie eine Hommage an seine eigenen Filme. Die Geschichte wird durch Bilder und nicht durch Worte erzählt. Sie ist nicht so dunkel und zynisch wie Dressed To Kill, nicht so lyrisch wie Obsession, nicht so gewaltgeladen wie Teufelskreis Alpha oder so manipulativ wie Mein Bruder Kain, trotzdem ruft Femme Fatale Erinnerungen an all diese Filme durch die Handschrift des Machers hervor. Der Film enthält sowohl das typisch technische als auch thematische Repertoire, das man von De Palma erwartet: Ausgeklügelte Split-Screen-Passagen, Slow Motion Einsatz en masse und lange Steadicam-Fahrten sowie Doppelgängermotiv, Voyeurismus, Überwachung und Plot im Plot verbinden Femme Fatale mit seinen Vorgängern.

Kaum auszudenken Rebbeca Romijn-Stamos wäre nicht die Femme Fatale. Sie ist die wahre Offenbarung des Films, denn sie sieht nicht nur blendend aus, sie kann auch schauspielern! Vom aalglatten lesbischen Vamp bis zur am Boden zerstörten jungen Mutter bietet ihre Figur eine immense Spannweite. Der Traum eines jeden Schauspielers, an dem er aber auch zu Grunde gehen kann – Rebecca Romijn-Stamos meistert die Vielfältigkeit ihrer Rolle mit Bravour.
Jochen

27.03.2003, 13:58



Weitere Informationen (externe Links):
Unterstütze f3a.net durch eine(n) Leihe/Kauf bei unseren Partnern:
OFDb€ 8,98
amazon.de€ 6,50
amazon.com$ 8,94


Der tatsächliche Preis kann abweichen! Preise werden max. stündlich aktualisiert. Markierte Preise sind seit dem letzten Abruf ↓ gesunken oder ↑ gestiegen.