The Disappeared

Ghosts in the Ghetto

von D.S.
Frankfurt, 27. August 2009, 15 Uhr. Draußen: Sengende Sommerhitze, die jede Bewegung zur Qual macht. Drinnen: Tristesse royale. Herbst in einem Londoner Hochhausghetto, das jede Minute des Lebens zur Qual macht.

Jedenfalls für unseren Protagonisten, den 17-Jährigen Matthew, dessen kleiner Bruder Tom eines Abends vor Monaten spurlos vom Spielplatz verschwunden ist - was Matthew zum Selbstmordversuch und anschließend in stationäre psychiatrische Behandlung gebracht hat. Er ist von Selbstvorwürfen zerfressen, schließlich sollte er an jenem Abend auf Tom aufpassen, zog es aber vor, mit seinen Freunden seinen Geburtstag zu feiern. Auch sein Vater macht ihn deshalb mit für die Tragödie verantwortlich - andererseits gibt es nicht wenige, die gerade ihn der Tat verdächtigen. Schließlich ist er für seinen Jähzorn bekannt... und es spricht einiges dafür, dass ein Anwohner schuldig ist. Denn in derselben Siedlung sind noch viele andere Kinder und Jugendliche verschwunden...

Beim Betrachten von THE DISAPPEARED fällt einem zunächst nur ein Begriff ein: deprimierend. Die Unterschichts-Kulisse wird mit voller Wucht ausgespielt, hier atmet jeder Zentimeter Hoffnungslosigkeit und Lebensfeindlichkeit. Heruntergekommene Wohnkäfige in monströsen Hochhaussilos, ein ganzes Viertel, das ungebremst der totalen Verwahrlosung anheimfällt, dazwischen jede Menge Gewalt und nicht mal mehr Reste von Träumen - das Szenario ist einfach nur bitter und lässt einen mit den Figuren intensiv mitleiden.

In kleinen Schritten hält dann auch der Horror, oder besser Grusel Einzug: Matthew schreckt immer wieder aus Alpträumen hoch, in denen er lebendig begraben wird. Er hört und sieht seinen toten (?) Bruder. Er hat ein extrem realistisches paranormales Erlebnis. Und während er dem Geheimnis der Verschwundenen auf die Spur kommt, zweifelt er immer stärker an seinem Verstand...

...fast so, wie man irgendwann auch am Verstand von Regisseur und Drehbuchautor Johnny Kevorkian zweifeln möchte. Denn ganz genau so, wie es das Programmheft verspricht, entwickelt sich das "stille Sozialdrama" zum "urbanen Geisterschocker" - aber es macht dabei alles andere als eine gute Figur. Sämtliche plotrelevanten Handlungsmomente wirken extrem konstruiert, sämtliche übernatürlichen Story-Aspekte des Films versinken knietief in den lahmsten Klischees, sämtliche angedachten Überraschungen bzw. schockierenden Enthüllungen sind kilometerweit im Voraus erahnbar - das Drehbuch ist nur als erschreckend unbeholfen zu beschreiben.

Mal ganz davon abgesehen, dass der Mix aus tristem Hyperrealismus und SIXTH SENSE-artigem Übersinnlichen sich in der Theorie ja ganz spannend anhört, in der Praxis aber eher lächerlich unglaubwürdig daherkommt: man hat den Eindruck, die Storyentwicklung wurde hier mal ganz hart übers Knie gebrochen. Das ist sehr schade, da nicht nur das Setting (deprimierend) beeindruckt, sondern insbesondere der Hauptdarsteller seine Figur sensationell zum Leben erweckt. Matthew wirkt komplett authentisch, sowohl im Verhalten als auch in seinem Habitus - so, wie man sich gebrochene Jugendliche in einem solchen Umfeld jedenfalls vorstellen würde.

So entwickelt man ohne Frage Interesse an ihm, aber das reicht nicht, um gleichzeitig auch für übermäßiges Interesse am Ausgang der Story zu sorgen. Dafür ist das diese dann eben doch zu sehr vernachlässigt worden.

Zwar gehen wir wohl fast alle eher aufs FFF, um einen Geisterfilm als um ein Unterschichtsdrama zu sehen. Wenn ein Film aber bedrückend faszinierend beginnt und dann zu einer belanglosen Abfolge plumper, reißbrettartiger Gruselklischees verkommt... dann wünscht man sich doch, er wäre beim Drama geblieben. Oder besser noch, hätte etwas mehr Zeit auf eine originellere, weniger peinliche Story(-auflösung) verwendet.

So ist THE DISAPPEARED zwar nicht unbedingt langweilig, wenn man sich auf das ruhige Tempo und die vorherrschende Tristesse einlässt, aber als Gruselfilm leider letztlich alles andere als überzeugend. Insbesondere der starken Darstellerleistung wegen dennoch: 5 Punkte. Wobei ein guter Teil des Publikums im Gegensatz zu mir ziemlich begeistert wirkte.
D.S.
sah diesen Film im Metropolis 8, Frankfurt

28.08.2009, 05:22



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