Deliver Us from Evil

Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein

von D.S.
Das abgrundtief Böse lauert oft ausgerechnet dort, wo die Welt am friedlichsten scheint - das ist nichts Neues. Genauso wenig wie die Erkenntnis, dass es keiner allzu großen Anstrengungen bedarf, um aus dem zivilisierten Menschen ein rasendes, wildes Tier zu machen. Aber Ole Bornedal führt uns das in DELIVER US FROM EVIL in einer solchen Konsequenz und Intensität vor Augen, dass man nur noch schlucken kann.

Gestern hatte ich DREAD das "Feel-bad-Movie des Jahres" genannt, das muss ich nach Sichtung dieses Films revidieren. DELIVER US FROM EVIL ist ein derart finsteres Brett, dass seine Wucht noch Stunden nachwirkt. Es beginnt alles ja ganz harmlos: mit einer Eröffnungssequenz fast wie aus einem David-Lynch-Film, in der uns eine surreal wirkende Erzählerin den Ort der Handlung - ein scheinbar idyllisches Nest in Westjütland - sowie die Hauptfiguren des folgenden Dramas vorstellt. Einige dieser Figuren wirken von Anfang an schon recht ungemütlich. Aber es dauert eine Weile, bis sie ihr wahres Gesicht offenbaren. Oder jedenfalls zeigen, wozu sie unter Stress, unter Alkoholeinfluss, unter dem Antrieb von Hass, Hoffnungslosigkeit oder schierer Langeweile fähig sind.

Wer sich jemals gefragt hat, wie es zu Ausschreitungen wie in Rostock-Lichtenhagen kommen konnte; wie ein Lynchmob entsteht; wie die Suche nach einem Schuldigen für das persönliche Unglück zur Entfesslung blinder Gewalt führen kann: DELIVER US FROM EVIL bietet - schmerzhafte - Antworten. Als die alte Anna tot aufgefunden wird, glaubt die Dorfgemeinde schnell, den Verantwortlichen zu kennen: "Nigger Alain", ein Kriegsflüchtling aus Bosnien. Der einzige, der zu ihm steht und ihn vor dem aufgebrachten Mob schützen will, ist Johannes. Leider auch kein starkes Glied in der archaischen Kette: er hat kein Stück Mann mehr in sich, findet jedenfalls seine Frau, die angeblich überzeugte Christin Pernille. Er ist zu nett, zu gut erzogen, zu schwach - körperlich, jedenfalls. Und das spielt in Dorfgemeinschaften eine gewaltige Rolle. Zumindest dann, wenn alle Menschlichkeit vergessen wird...

Es ist düster faszinierend zuzusehen, wie in DELIVER US... eine Maske nach der anderen fällt. Wie zunächst die sich selbst nur mühsam im Zaum haltenden Unterschichtler Blut wittern und jeden Skrupel schnell über Bord werfen. Wie dann die Gesitteten und Angesehenen alle angeeignete Kultur in sich kalt stellen und das Monster in ihrem Inneren offenbaren - dabei die entscheidenden Schritte tun und die Masse erst zum Ultimativen aufstacheln. Wie schließlich die Heuchler jedweder Färbung zeigen, woran sie im Zweifelsfall ausschließlich glauben: ihr eigenes Wohlergehen.

Dabei nimmt der Film nach einem ruhigen ersten Drittel kontinuierlich an Fahrt auf, die Ereignisse steigern sich in einem Maße, dass man die Explosionsgefahr förmlich fühlen kann und entladen sich schließlich in einem Finale, das zwischen Schuld und Sühne nur noch Gewalt kennt. Am Eindrucksvollsten und Schlimmsten ist derweil, dass wir alle wissen: dieses Geschehen könnte jederzeit genau so überall stattfinden. Daran ändert die Überzeichnung einzelner Figuren durch das Drehbuch nichts.

Niemand ist unschuldig, es gibt keine Helden, in blinder Selbstsucht würden wir alle alles opfern, was uns angeblich wichtig ist: DELIVER US... ist kein Film für Gutmenschen. Und erst recht keiner für diejenigen, die der menschlichen Rasse mit Hoffnung und Optimismus gegenüber stehen. Er tut weh, er geht einem nahe und er hat keine Antworten zu bieten. Da kommt nichts mehr. Keine Moral von der Geschicht’. Nur ein Schlucken.

8,5 Punkte.
D.S.
sah diesen Film im Metropolis 8, Frankfurt

30.08.2009, 05:56



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