Tony

Zielloser Wahn

von D.S.
Tony ist ein Geek. Ein Vollblut-Loser. Und mit seiner verunglückten Frisur, dem unglaublichen Schnurrbart und der dicken Brille ein ziemlich hässlicher noch dazu. Seit 20 Jahren arbeitslos und arbeitsunwillig, lebt er im Londoner Sozialbau-Ghetto vor sich hin. Wandert planlos durch die Straßen, lebt in seiner stinkenden Wohnung sein Faible für 80er-Jahre-Actionschinken aus - nur auf VHS, DVD-Player ist nicht -, ist in seiner sexuellen Orientierung offenbar alles andere als festgelegt und bringt zwischendurch hin und wieder jemanden um. Wie es sich halt ergibt, geplant scheint bei ihm nichts.

Man könnte "Tony" als Parabel auf soziale Vereinsamung lesen, denn die Hauptfigur ist trotz erstaunlich zahlreicher Kontakte zu anderen Menschen fast vollkommen unfähig, mit ihnen - oder auch mit den gesellschaftlichen Normen generell - umzugehen. Ein Soziopath erster Güte, ist er einfach da, ist seelisch allein und betrachtet andere mit einer Mischung aus Faszination, Angewidertheit, Hilflosigkeit und Irritation.

Er tut nicht besonders viel: Filme gucken, in den Pub gehen, herumlaufen, Leute umbringen, Filmzitate herunterrasseln. Und in allem, was er tut, wirkt er überwältigend ziellos.

Das trifft aber leider auch auf den Film selbst zu: zwar mit einem tollen Soundtrack (von TheThe) und einem, hmm, interessanten Hauptdarsteller gesegnet, hat er jedoch kaum dramaturgische Höhepunkte aufzuweisen. In seiner Inszenierung ähnelt er tatsächlich des Öfteren einer Dokumentation, bleibt sehr distanziert, farblos und im Tempo gemächlich. Verstörend wirkt er dabei leider kaum, zu wenig Sympathie für irgendeinen Charakter oder auch nur Interesse an den Beweggründen der Titelfigur vermögen sich einzustellen.

Im Gegensatz etwa zum stilistisch ähnlichen "Henry" schaffen es auch die Morde kaum, den Betrachter aus einer sich langsam einschleichenden Lethargie zu reißen. Schließlich sind sie genauso distanziert inszeniert wie der Rest des Films, schließlich verbleibt der Protagonist hierbei genau unemotional wie ansonsten auch.

So hat man stellenweise das Gefühl, einem Laborversuch zuzusehen, einer nüchternen Betrachtung eines Lebens, das auf unauffälligste Art und Weise komplett aus den Fugen geraten ist und dem Dasein von sich selbst und allen anderen nicht den geringsten Wert beizumessen scheint. Das ist in abstrakter Weise durchaus interessant, lässt einen aber ein Stück weit zu kalt, um wirklich zu beeindrucken.

Deshalb nur 5 von 10 Punkten - und eine Warnung an alle, die der englischen Sprache nicht zu 100% mächtig sind: die Dialekte sind hier teilweise enorm schwer zu verstehen. Die britische DVD kommt mit Untertiteln und dem Vorgänger-Kurzfilm gleichen Namens von 2005, auf dem "Tony" basiert.
D.S.

08.08.2010, 02:39



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