"Koma" ist ein sehr atmosphärischer und effektiv arbeitender Thriller, der in der bisherigen Kritik meist ziemlich schlecht weggekommen ist. Was ich nicht ganz nachvollziehen kann, denn natürlich erscheint die Storyidee zwar ein wenig konstruiert, und der Film ist mit einigen logischen Fehlern gesegnet. Aber dafür überrascht er nicht nur mit mehreren wirklich nicht vorhersehbaren Wendungen, sondern auch mit gelegentlich aufblitzender, gut dargestellter Härte. Und er bietet schauspielerische Leistungen weit über dem Durchschnitt, ein paar gelungene Schocks und eine generell intensive Stimmung.
Es geht um einen mysteriösen Killer, der seinen Opfern bei lebendigem Leib eine Niere entfernt und sie dann, wenn auch eisgekühlt, ihrem Schicksal überläßt. Die junge Chi, die am Tatort fast in den Gesuchten hineinstolpert, gerät fortan in sein Visier - was für sie weitreichende Konsequenzen hat, nicht nur, was ihre Sicherheit von Leib und Leben angeht. Denn sie ist zunächst überzeugt davon, der Killer sei eine andere junge Frau, auf die das Täterprofil auch haargenau paßt - und die sich als Nebenbuhlerin bzw. Affäre ihres Mannes offenbart. Woraufhin sowohl ihr Mann als auch die ermittelnden Polizisten ihre Ängste bald nur noch als eifersuchtsgesteuerten Wahn und Verleumdungen abtun. Doch immer wieder erhält sie Drohanrufe ihrer Konkurrentin, und die Morde gehen weiter...
Eine Stärke von "Koma" sind die Charakterzeichnungen. Zumindest die beiden Hauptdarstellerinnen werden mit einer umfassenden Hintergrundgeschichte ausgestattet, die für Genrefilme ungewöhnliche Untertöne enthält. Chi ist zwar in einer blendenden Position, wohlhabend und stets umsorgt, dafür aber von Minderwertigkeitskomplexen geplagt, die schon fast die Form von Neurosen erreichen. Insgesamt wirkt sie zerbrechlich und unsicher - und ausgerechnet sie wird von immer massiverem Terror heimgesucht. Dabei wird ihr sich verschärfender Angstzustand erstaunlich gut inszeniert und so auch fürs Publikum nervenzerrend vermittelt. Auf der anderen Seite steht die Verdächtige, die in den meisten Punkten das genaue Gegenteil von Chi darstellt. Sie wird als psychisch starke Frau gezeichnet, die fast ihr ganzes Leben auf sich allein gestellt kämpfen mußte, und deshalb ihre eigenen Interessen mit einer gewissen Skrupellosigkeit verfolgt, die die Konventionen eines geregelten Lebens hinter sich läßt. Das strahlt sie auch aus und läßt es andere spüren, was ihr eine gerade für Chi extrem bedrohliche Aura verleiht.
Dieses Spiel um gegensätzliche Charaktere und ihre Konfrontationen miteinander braucht der Film auch, um das Interesse des Zuschauers wachzuhalten, denn die Rahmenhandlung allein ist dann doch nicht groß genug - insbesondere, als man den Killer schon nach der Hälfte des Films ausführlich zu Gesicht bekommt und die Spannung ab diesem Moment (zumindest vorübergehend) stark nachläßt. Zwar bleibt der Verlauf der Story nach wie vor überraschend, und gegen Ende wird auch handlungsmäßig noch einmal Gas gegeben; zwischendurch aber wird der Film eher zu einem Charakterdrama - mit Längen.
Ein etwas höheres Tempo und ein paar seltsame Handlungsbegründungen weniger hätten "Koma" gut getan. Aber auch so ist er ein allemal interessanter und insgesamt dicht inszenierter Film, der mich alles andere als enttäuscht hat. 6 Punkte. |