Ginger Snaps Unleashed

Wolf im Schafspelz

von D.S.
Wir erinnern uns: Ginger und Brigitte waren absolut unzertrennlich, nahmen eine "wir beide gegen die Welt und das Erwachsenwerden"-Haltung ein. Das änderte sich erst, als Ginger ihre Sexualität entdeckte bzw. zum Werwolf wurde: lieber tötete Brigitte die von ihr vergötterte Schwester, als ihr auf diesem Weg zu folgen.

Brigittes Einstellung hat sich in der Zeit, die zwischen dem ersten und zweiten Teil von "Ginger Snaps" liegt, offenbar geändert: um ihre Schwester verstehen und "geistig bei ihr sein" zu können, hat sich Brigitte selbst mit dem Werwolf-Virus infiziert. Eine Prämisse, die man durchaus ein wenig unglaubwürdig finden kann; ich halte sie aber für gerade noch akzeptabel (die Verwirrungen eines pubertierenden Mädchens halt...).

Eine gewisse Nähe zu Ginger hat Brigitte so jedenfalls tatsächlich erreicht: nicht nur, daß sie nun dabei ist, sich langsam aber sicher selbst in einen Werwolf zu verwandeln (der Wolfseisenhut, in Teil 1 noch als Gegengift bejubelt, kann diesen Prozeß nur verlangsamen, nicht aber stoppen). Auch ihre emotionale Bindung hat sich kaum gelockert, des öfteren "sieht" Brigitte ihre Schwester und spricht mit ihr. Ein dramaturgisches Mittel, auf das der Film vielleicht auch hätte verzichten können, denn das "Erscheinen" der guten Ginger trägt nicht unbedingt viel zur Handlung bei.

Außer ihrer Schwester hat Brigitte aber auch niemanden mehr - und will auch gar niemanden haben. Männer sind für sie ohnehin ein abzulehnendes Thema (und werden auch passend widerlich dargestellt), womit der Film der Story des Vorgängers erfreulich treu bleibt. Aber auch die weiblichen Figuren leben, wie im ersten Teil, in einer anderen Welt, zu der Brigitte keinen Zugang sucht. Im Gegenteil, sie stößt alle von sich weg, auch wenn sie (echtes oder berufliches) Interesse an ihr zeigen. Sie wird vom Film überzeugend als wütende Außenseiterin positioniert, und von Emily Perkins atemberaubend gut entsprechend gespielt. Abgesehen natürlich vom Werwolf-Aspekt wirkt Brigitte nicht wie eine Rolle, die sie ausfüllt, sondern wie eine reale Person.

So geht Brigitte also ihren besonders schmerzvollen Weg des Erwachsenwerdens fast ganz auf sich allein gestellt. Die einzige, die sie - nicht eben freiwillig - an ihre Seite läßt, ist ein junges Mädchen. Eine ziemliche Schreckschraube, die in der geschlossenen Anstalt, in die man Brigitte eingewiesen hat, betreut wird und ihre mit schweren Verbrennungen in einer anderen Abteilung liegende Oma umsorgt. Als Brigitte merkt, daß ihr Verwandlungsprozeß (insbesondere ohne eine regelmäßige Dosis Wolfseisenhut, den man ihr abgenommen hat...) kaum mehr aufzuhalten ist, und als ein gefährlicher männlicher Werwolf, der ihre Fährte aufgenommen hat, der Anstalt immer näher kommt, beschließt sie auszubrechen. Die Kleine hilft ihr dabei... aber kann sie ihr auch dabei helfen, selbst "klein", unschuldig, ein Mädchen zu bleiben?

Mit einigen überraschenden und teilweise ganz schön fiesen Storywendungen versehen, konzentriert sich der Film, wie sein Vorgänger, nicht nur auf seine (klischeefrei erzählte und recht spannend inszenierte) Werwolfgeschichte. Daneben geht es eben auch hier um eine Geschichte vom Erwachsenwerden, vom Finden eines eigenen Weges und den Kampf mit "den Umständen". Die auch hier intensiv und glaubwürdig umgesetzt worden ist, wenn auch inhaltlich nicht ganz so interessant oder vor allem neuartig wie im ersten Teil.

Tatsächlich ist genau das das größte Problem von "Ginger Snaps 2": der sich permanent aufdrängende Vergleich zu Teil 1. Bei dem die Fortsetzung nur verlieren kann, denn sie ist (trotz der Haken, die das Drehbuch an einigen Stellen schlägt) weder so originell noch so spannend. Auch das größere Budget hat dem Film nicht nur gut getan: Das Werwolf-Makeup ist zwar deutlich besser als im ersten Teil. Aber offenbar war man dank der vorhandenen Möglichkeiten auch versucht, einen grundsätzlich "größeren" Film zu machen, der nicht nur von seiner Idee und seinen Hauptdarstellerinnen getragen wird. Sondern etwa auch von einer größeren Zahl teils tief in die Handlung einbezogener Nebenfiguren - die in den meisten Fällen leider weder besonders interessant noch besonders gut gespielt sind, und so eher vom Kern des ganzen ablenken.

Trotzdem ist "Ginger Snaps 2" ein guter Film, der ungewöhnlich genug bleibt, um als solide Fortsetzung eines Genre-Meilensteins gewertet werden zu können. Wer den ersten Teil mochte, wird sich auch hier wohlfühlen. Wer mit ihm aber nichts anfangen konnte, bleibt besser fern - wie übrigens auch jeder, der den ersten gar nicht kennt. Denn "Ginger Snaps 2" funktioniert von der Storyseite her zwar auch als eigenständiger Film. Aber es gibt ständig Verweise auf und Reminiszenzen an den ersten Teil, die ohne Vorwissen eher verwirren dürften.

Wie auch immer: mir hat’s gefallen. 7 Punkte.

PS: Besonders schön fand ich übrigens die Szene, in der die Anstaltsinsassen fernsehen. Im TV läuft nämlich der (beim FFF in Frankfurt unmittelbar vor "Ginger Snaps 2" gezeigte) "Nothing" von Vincenzo Natali :)
D.S.
sah diesen Film im Metropolis, Frankfurt

11.08.2004, 13:00



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