crazy

V/H/S

Gewackelt, nicht gedreht

von D.S.
Dass V/H/S auf der Kinoleinwand ein ziemlich anstrengendes Vergnügen ist, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Mit Ausnahme sehr weniger ruhigerer Sequenzen wird hier auf Handkamera im Wackelmodus gesetzt - und zwar so exzessiv, dass einem phasenweise im wahrsten Sinne des Wortes Hören und Sehen vergeht; das Geschehen in einem einzigen Brei aus Lärm, Hektik und nervtötendem Gezappel verschwimmt.

Nun kann der bewusste Einsatz dieses Stilmittels ja durchaus intensivierend wirken, den Betrachter gefühlt sehr nahe an die Handlung heranbringen, ihn unmittelbar an authentisch scheinenden Entwicklungen teilhaben lassen. Das funktioniert hier aber aus mehreren Gründen kaum: Zum einen verliert jedes Stilmittel an Wirkung, wenn es ununterbrochen und ohne kontrastierende Elemente eingesetzt wird; anders formuliert: das Herumgewackele hier ist schlichtweg furchtbar übertrieben.

Zum anderen macht es der fragmentarische Charakter der Storys in den meisten Fällen schwer, sich emotional in ihre Handlung hineinversetzen zu lassen. Wir finden uns zumeist mitten in die Tätigkeiten kaum näher vorgestellter Protagonisten geworfen und werden nur selten Zeuge von dramaturgisch artgerecht inszenierten, ansteigenden Spannungskurven. Es passieren allzu oft eben einfach plötzlich Dinge, und die bekommen wir dann mehr oder minder gut mit. Fühlen uns aber aus den geschilderten Gründen schwerlich atemlos mitfiebernd oder schockierend nahe dran.

Zuletzt sind es dann auch nur Ausnahmefälle, in denen der Found-Footage-Ansatz der Anthologie wie mehr als ein Gimmick wirkt. Namentlich hat die nicht-klassische Kameraführung nur in Ti Wests „Reisevideo" THE SECOND HONEYMOON sowie in einer als Webcam-Chat inszenierten Episode eine inhaltliche Berechtigung, addiert etwas zur Story hinzu, ermöglicht schlussendlich entscheidende Überraschungen. Mit dem titelgebenden Medium und seinen Eigenheiten spielt gar nur eine einzige Episode; diese trägt den Namen TUESDAY THE 17th und entpuppt sich leider tatsächlich als schwächlicher Slasher-Verschnitt. Ach halt, da ist ja auch noch die Rahmenhandlung, die sich natürlich auch um alte Tapes dreht. Diese allerdings ist sowohl von der Bildsprache als auch den Protagonisten her wirklich schier unerträglich anzusehen, zudem komplett spannungsbefreit und kaum mehr als lieblose Staffage für die fünf voneinander unabhängigen Episoden der Anthologie.

Nun könnte man sicher ausufernd darüber diskutieren, ob V/H/S nicht einen cleveren Kommentar zur heutigen Film- und Rezeptionskultur darstellt; ob hier nicht bewusst eine Inszenierungsart kompromisslos zur Kunstform ausgebaut wird; ob nicht selbstbewusst und souverän Form über Funktion gestellt wird. All das ist aus meiner Sicht aber kaum relevant, wenn der Film, um den es geht, nicht unterhält. Und das tut V/H/S eben nur in Momenten - etwa in der erwähnten Webcam-Episode, die kurzzeitig durchaus die Intensität von PARANORMAL ACTIVITY erreicht, oder in der letzten Geschichte, die sich um eine geradezu übernatürliche Halloween-Party dreht und atmosphärisch wie von den Effekten her bemerkenswert ist.

Ansonsten sind zwar vielerlei blutige, teils skurrile, teils mystische oder auch grundsätzlich verstörende Ideen zu erleben. Die erreichen aber oftmals nicht die Wirkung, für die sie das Potenzial haben. Denn sie ertrinken in einer Inszenierung, die sich selbst für wichtiger hält als das, was sie präsentiert.

Und das ist dann zusammengenommen eben vor allem eins: anstrengend. Wenn nicht sogar ärgerlich. Für mich darum leider nicht mehr als 3,5 Punkte wert, diversen sehr interessanten Ansätzen zum Trotz.
D.S.
sah diesen Film im Metropolis 6, Frankfurt

06.09.2012, 02:41



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