"Feed" hat mich in mehrfacher Hinsicht überrascht - sowohl positiv als auch negativ. Zunächst mal hatte ich ein wesentlich tieferes Eintauchen in die Feeder-Thematik selbst erwartet, insbesondere auch ein Begreifbar-Machen der Beweggründe von "Gainern" (oder zumindest ein ernsthaftes Herantasten an die Frage, warum sich manche Menschen freiwillig so verunstalten, ultimativ sogar hinrichten lassen). Tatsächlich aber beschäftigt sich der Film, wenn überhaupt, ausschließlich mit der Sicht- und Deutungsweise eines "Feeders". Letztendlich ist die gesamte Thematik aber ohnehin nur Vehikel, exploitativer Aufhänger für einen ganz gewöhnlichen Serienkiller-Thriller, die Jagd eines Polizisten auf einen sicken, hoch intelligenten, manipulativen Freak - wenn auch in einem Ambiente angesiedelt, das abseitiger erscheint als üblich und ein spezielleres Ekel-Potential aufweist als die sonst zentralen rituell verstümmelten Leichen usw.
Was den reinen Filmgenuß bzw. den Unterhaltungsfaktor angeht, ist das aber vielleicht sogar positiv: statt tiefschürfender psychologischer Erörterungen erleben wir hier einen straight inszenierten, durchaus spannenden Krimi, der zumindest in seiner ersten Hälfte ein deutlich höheres Tempo geht, als ich das erwartet hätte. Die psychologischen Erörterungen gibt es zwar auch, aber die sind nur das, was sie in solchen Filmen immer sind: ohne weitergehende Relevanz, bestenfalls als Clues im Hinblick auf die Persönlichkeitsstruktur des gerade Sprechenden und auf kommende Geschehnisse zu verstehen. Jedenfalls SOLLTE man sie nur so verstehen, denn sonst kann man kaum umhin, sich zu ärgern. Denn sie sind fast durchgängig komplett oberflächlich und klischeebeladen.
Letzteres gilt leider auch für die Storyentwicklung und, bis zu einem gewissen Grad, für die Figuren von "Feed". Der Killer zwar wird von Alex O’Lachlan, der vom Äußeren her stark an einen sehr jungen Christopher Walken erinnert, recht intensiv und überzeugend gespielt. Die sonstigen Charaktere aber bleiben blaß bis ärgerlich, insbesondere der ermittelnde Polizist kann weder sein überzogenes Interesse am Fall noch seine persönliche Problemstellung nachvollziehbar und glaubhaft vermitteln. Generell wirkt das Verhalten der Figuren des öfteren absolut unglaubwürdig - und auch die Story selbst kann leider in weiten Teilen, gerade in der zweiten Hälfte des Films, nur als konstruiert bezeichnet werden. Als so offensichtlich konstruiert, daß man sich das Lachen manchmal nur schwer verkneifen kann, so albern und unrealistisch ist das, was da auf der Leinwand gerade vor sich geht.
Sieht man davon aber ab, schafft es der insgesamt solide Thriller durchaus, einen recht gut zu unterhalten. Und vor allem schafft er es, einige üble, WIRKLICH eklige Bilder im Kopf des Betrachters zu erzeugen - was umso erstaunlicher ist, als er auf eine explizite Abbildung ebensolcher fast vollständig verzichtet. Was hier aber in manchen Szenen im Hinblick auf den Umgang des Killers mit seinen Opfern angedeutet wird, reicht aus, um die Phantasie mehr als anzuregen. Vielleicht sogar stärker, als das blutig verstümmelte Fettberge geschafft hätten. Und ein paar eklige Bilder gibt es dann natürlich eben DOCH auch auf der Leinwand zu sehen: Bis zur Unkenntlichkeit gemästete, ehemals weibliche Lebewesen (wobei der Ekelgrad hier besonders von den persönlichen Befindlichkeiten abhängt).
Insgesamt ist "Feed" kein Film, den man gesehen haben muß, dazu ist er schlußendlich viel zu sehr Standardware. Er unterhält aber doch leidlich gut, und das beschert ihm 5,5 von 10 Punkten.
PS: Für das deutsche Publikum besonders interessant ist vielleicht die Eröffnungssequenz des Films, in welcher der Fall des "Kannibalen von Rothenburg" aufgegriffen wird... |