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Dear Wendy (2005)

Die Waffen der Jugend

Interessant, wie einheitlich dieser Film als bösartige Satire auf den US-amerikanischen Waffenfetischismus wahrgenommen wird. Natürlich kann man ihn so sehen. Daß Regie und Drehbuch von zwei europäischen Intellektuellen verantwortet werden, die klar aus der linksliberalen Ecke kommen, legt das auf den ersten Blick sowieso nahe.

Mann kann "Dear Wendy" aber auch ganz anders lesen. Denn genauer betrachtet sagt der Film nirgends eindeutig und unmißverständlich, daß er der Meinung ist, die Liebe zu Waffen würde ausschließlich zu Unglück und Verderben führen. Den Kids, die hier einer seltsamen Vernarrtheit anheimfallen, geht es im Gegenteil seitdem und bis zuletzt deutlich besser als zuvor - sich erobern sich ihren Platz in der Welt, sie fühlen sich endlich im Einklang mit sich selbst und sogar glücklich. Und, ohne zu spoilern: Das Leben an sich muß nicht für jeden zwingend automatisch der höchste aller Werte sein. Für manche ist es vielleicht wichtiger, sich nicht mehr wie ein Loser zu fühlen - egal, was das in der Konsequenz bedeuten kann. So gesehen, kann man also in jedem Fall eine gewisse Ambivalenz bzw. durchaus sogar leise Anklänge von Heroisierung ausmachen, wenn man will.

Für mich aber stellt "Dear Wendy" im Kern etwas ganz anderes dar als eine wie auch immer geartete Auseinandersetzung mit dem Thema Waffen. Diese ist in meinen Augen eigentlich nur Aufhänger für eine Geschichte über die bedingungslose Liebe zu einer Sache, die dem eigenen Leben einen Sinn gibt. Für die man bereit ist, alles zu tun. Also eine Geschichte über Idealismus, Träume, Glauben und Hoffnung - Themen, die fast automatisch in einen Film über Jugendliche münden müssen, die an der Schwelle zum Erwachsenwerden stehen und mit dem krassen Widerspruch zwischen großen Gefühlen und trister Realität konfrontiert werden. So ist es auch kein Zufall, daß die Protagonisten von "Dear Wendy" ihrer Gang ausgerechnet den Namen "Dandies" geben, daß "Das Bildnis des Dorian Gray" eine gewisse Rolle spielt, daß Oscar Wilde ihrem Selbstverständnis (und ihren "Uniformen") ganz offensichtlich Pate stand. Es geht für sie in einem hohen Maße um das Finden eines eigenen Stils, um die Abgrenzung von anderen - gerade der "erwachsenen" Welt mit ihren Normen und Regeln –, um das endlich erwachende Gefühl der eigenen Wertigkeit, um einen Kampf gegen Mäßigung und Normalität, sprich: gegen das Älterwerden und Sich Anpassen.

Das ist ein sehr romantisches Themenfeld, ein grimmig leidenschaftliches - und dazu passen Waffen inhaltlich nun mal sehr gut. Natürlich bietet dieser Aufhänger aber auch, gerade in seiner grotesken Übersteigerung, ein sehr hohes Potential für eine Handlung, die in weiten Teilen fast bizarr anmutet - wenn man sie wörtlich nimmt. Aber egal, ob man das tut, oder sie nur als Metapher für Komplexeres betrachtet: sie entwickelt ausreichend ungewöhnliche Situationen und amüsante Dialoge, um dem Film per se schon einen hohen Unterhaltungswert zu verleihen. Dabei spielt das Thema Pazifismus, dem sie die "Dandies" ja angeblich verschrieben haben, aber kaum eine nennenswerte Rolle. Etwaige Gewissenskonflikte, wie sie bei der Kombination "friedliebende Menschen/Waffenvernarrtheit" ja eigentlich zahlreich auftreten müßten, werden kaum thematisiert bzw. sind nur für ein paar Lacher gut. Letztlich gewinnt man den Eindruck, die Kids nennen sich nur Pazifisten, weil sie gar nicht genau wissen, was das ist, es aber gut klingt - und bereits eine erste Stufe der Abgrenzung von anderen, von der sie umgebenden Gesellschaft ermöglicht.

Gestalterisch überzeugt "Dear Wendy" nicht nur durch einige unerwartet eingesetzte Stilbrüche, sondern insbesondere auch durch den Einsatz einer Erzählerstimme, die uns einerseits tiefer in die Handlung, in die Gefühle und Gedanken der Protagonisten hereinzieht, und andererseits - durch ihren Tonfall, durch den lyrischen Charakter des Vorgetragenen den poetischen, romantischen Eindruck des Films noch verstärkt. Wenn auch die eine oder andere Figur vielleicht noch ein wenig detaillierter hätte gezeichnet werden können, überzeugt "Dear Wendy" insgesamt aber doch ebenfalls auf dieser Ebene, wozu die hervorragenden schauspielerischen Leistungen natürlich ihren Teil beitragen. Das einzige, was ich zu kritisieren habe, sind ein paar kleinere Längen im Aufbau des Films. Gerade in der Mitte zieht es sich manchmal ein bißchen, aber diese Phase ist schnell wieder vorbei.

"Dear Wendy" ist ein sehr ungewöhnlicher Film mit einer sehr ungewöhnlichen Handlung. Ganz gleich, ob man diese Handlung nun wörtlich nimmt, ob man sie als Vehikel zum Transport bestimmter Botschaften oder als Hülle, in der die ganz großen Themen manifestiert werden: sie macht nachdenklich, sie unterhält, sie ist durch und durch originell. Und macht "Dear Wendy" im Zusammenspiel mit einer genauso "eigenen" Inszenierung zu einem ganz besonderen Erlebnis - auch, wenn einigen hier vermutlich ein wenig Tempo und "Action" fehlen wird. Für mich aber mindestens acht Punkte wert.

Daß man den Film übrigens nicht unbedingt einfach platt als Anklage gegen Waffen (oder gar als moralisch entrüstete Amerika-Kritik?!) sehen sollte, legt nicht nur die mitunter durchaus ästhetisierte Darstellung ihres Gebrauchs - und auch der Konsequenzen ihres Gebrauchs - nahe. Gleichfalls lassen diverse Aussagen von Thomas Vinterberg (TV) und Lars von Trier (LVT) darauf schließen, daß bezüglich dieses Themas eine zumindest ambivalente Position vertreten wird. Ich zitiere mal aus dem Presseheft: LVT: "Es ist egal, worin du dich vertiefst, du bist gezwungen, darin irgendeine Art von Schönheit zu entdecken. Die Schönheit im Detail, denn die moralische Seite davon ist etwas ganz anderes." TV: "Lars hat recht, wenn er behauptet, dass Waffen faszinierende und erstaunliche Instrumente sind. ... Wo ich aufgewachsen bin, waren Waffen ein Symbol des Bösen, aber es ist eben nur ein Ding, das man richtig oder falsch benutzen kann."
Dominic Saxl
sah diesen Film im Metropolis, Frankfurt
OOOOOOOO..
18.08.2005, 15:55
 

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