The Tall Man

Großer Mann, große Thematik

von D.S.
Dass sich Pascal Laugiers dritter Langfilm ähnlich weit vom Genrestandard abhebt wie sein Vorgängerwerk MARTYRS, wenn auch auf ganz andere Weise, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Im Gegensatz zu jenem macht bei THE TALL MAN nicht das Maß an Explizität den entscheidenden Unterschied: Körperliche Gewalt gibt es hier fast keine zu erleben, auch der Schockfaktor liegt weniger im Gezeigten als vielmehr in der Konsequenz der Geschichte begründet. Und genau diese Geschichte ist es schließlich, die den Film zu etwas Besonderem macht.

Das Verschwinden von Kindern mitten aus einer abgeschotteten, in sich geschlossenen Gemeinde ist zwar keine ungewöhnliche Thematik. Wohl aber - jedenfalls für einen Genrefilm - die Auflösung, zu der Laugier den Stoff treibt. Die Position, die er impliziert. Hier geht es um die ganz großen Fragen von Philosophie und Moral. Womit man zunächst nicht unbedingt rechnen konnte.

Darin liegt dann ohnehin die zentrale Stärke des Films: Die in mehrfacher Hinsicht überraschende Abweichung von dem, was man erwarten würde. Das meint zwar einerseits auch die angesprochene stilistische Entfernung von MARTYRS und HOUSE OF VOICES, andererseits aber vor allem die in keiner Weise vorhersehbaren Richtungs- und Perspektivwechsel der Erzählung. Die mich schlicht sprachlos hinterlassen haben und gemeinsam mit der extrem dichten Atmosphäre dafür sorgen, dass THE TALL MAN unglaublich fesseln kann.

Zumindest über die meiste Zeit hinweg: In der zweiten Hälfte des Films gibt es leider Momente, in denen die Anspannung beim Zuschauer nachlässt, da die Story sich vorübergehend kaum weiterentwickelt und die Inszenierung ein wenig die Zügel schleifen lässt, den Druck rausnimmt. Spätestens im Finale sind diese Ruhephasen aber wieder vergessen, denn erneut bricht der Film hier mit Erwartungshaltungen und eröffnet eine inhaltliche Diskussion, die - wie erwähnt - Grundlegendes berührt.

Trotz des glattpolierten Looks und Jessica Biel in der Hauptrolle ist THE TALL MAN deshalb alles andere als mainstreamtauglich. Er erfordert, dass man sich auf ihn einlässt - und über ihn nachdenkt. Wer aber gewillt ist, aufs Popcorn und auf allzu offensichtliche Fan-Befriedigungs-Services seitens Laugiers zu verzichten, erlebt einen bewegenden Film, der wie sein Vorgänger Grenzen bricht. Und genauso meisterlich erzählt ist.

Der angesprochenen Längen zwischendurch wegen von mir „nur" 7 Punkte. Dennoch meiner Meinung nach ganz klar einer der besten Filme des diesjährigen Festivals.
D.S.
sah diesen Film im Metropolis 8, Frankfurt

15.09.2012, 14:31



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