crazy

Cold Blooded

Der Patient war stets bemüht.

von D.S.
Ein verunglückter Diamantenraub. Zwei flüchtige Gangster in einer Sackgasse, einer mit der Beute, der andere mit einer Pistole. Schnitt - Schnitt - Schnitt: Die Polizei ist vor Ort, einer der Kriminellen liegt erschossen am Boden, der andere wird schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Was ist passiert? Wo sind die Diamanten? Wer hat wen wie warum getötet?

COLD BLOODED des Regiedebütanten Jason Lapeyre beginnt durchaus schnell und spannend, entscheidet sich nach seiner Eröffnungssequenz aber leider dafür, das Tempo komplett gen Null zu fahren - und den Schwerpunkt seiner Story nicht etwa auf ein Krimi-Verwirrspiel zu legen, sondern auf eine äußerst dialoglastige, pseudo-philosophische Erörterung des Themenkomplexes Schuld und Unschuld, Recht und Gerechtigkeit, Gesetz und Moral.

Das muss ja nicht das Falscheste sein, allerdings gewinnt man hier schnell den Eindruck, dass der Film sich an seinem Anspruch übernimmt. Denn weder sind Set-up und Konsequenz der Handlung sonderlich clever oder innovativ angelegt, noch werden hier Überlegungen angestellt, die man in unzähligen ähnlich beseelten Filmen (wie etwa COP LAND oder auch TRAINING DAY) nicht schon ungleich stärker umgesetzt gesehen hätte.

Was COLD BLOODED aber letztlich das Genick bricht, ist seine permanent spürbare Semi-Amateurhaftigkeit. Das betrifft zum einen technische Aspekte wie den Home-Video-Look, die mangelhafte Lichtsetzung oder auch den selten fesselnden Soundtrack; zum anderen und vor allem aber das wenig ausgereifte Drehbuch mit vielen unglaubwürdigen Entscheidungen oder Verhaltensweisen der Protagonisten sowie die extrem plumpen Figurenzeichnungen. Allem ausufernden Gelaber zum Trotz gibt’s hier keine Tiefe; die Charaktere sind in ihren reißbrettartigen Positionierungen verhaftet und können nur in ganz wenigen Momenten mal interessant aus ihrer Klischeehaftigkeit ausbrechen.

Dennoch, solche Momente gibt es - und sie sind genauso überraschend und wirksam wie die seltenen Anflüge von recht extremer Brutalität, mit denen COLD BLOODED das Publikum gut getimed bei der Stange hält.

Im Wesentlichen werden wir hier ja Zeugen eines Kammerspiels: Überlebender Gangster wird im Krankenhaus von junger, idealistischer Polizistin bewacht. Versucht, ihre Sympathie zu gewinnen und ihr zu vermitteln, dass Cops und Gangster eigentlich nur zwei Seiten einer Medaille seien. Stößt auf taube Ohren - bis der Rest der Gang auftaucht: Bereit, ihn und alle anderen zu töten, unter anderem, um an die vermissten Diamanten zu gelangen. Im Angesicht der barbarischen Gefahr werden die Antagonisten zu einem unerwarteten, unwilligen Paar... das aber bis zuletzt konträre Ziele verfolgt. Und dabei versucht, im menschenleeren Krankenhaus dem Tod zu entgehen.

Dummerweise ist ihre Flucht vor bzw. ihr Kampf gegen die Gang nicht gerade tight inszeniert - immer wieder wird zu wenig interessanten Nebenfiguren oder Handlungssträngen umgeschnitten, wenn eine Konfrontation der Parteien zu keinem Ergebnis gekommen ist, und es passiert demzufolge halt auch immer wieder zu lange gar nichts, was die Handlung essentiell voranbringen würde... was zur Folge hat, dass der Film im Mittelteil arg zerfasert wirkt und die Aufmerksamkeit des Publikums auf diverse harte Proben gestellt wird.

Letztendlich ist es vermutlich das Hauptproblem von COLD BLOODED, dass seine Story zu klein ist und die Ausgestaltung derselben zu unentschieden bzw. zu unspektakulär. Oder, falls es ihm wirklich mehr um seine Aussage als um seine Story geht, dass diese Aussage bei weitem zu ausgelutscht ist, um noch jemanden hinter dem Ofen hervorzulocken.

Der Film hat durchaus seine Stärken, wobei insbesondere die schauspielerischen Leistungen der Hauptdarsteller Ryan Robbins und Zoie Palmer zu nennen sind. Er bietet jedoch weder auf der Handlungs- noch auf der Inszenierungsebene genug, um über seine handwerklichen wie auch seine inhaltlichen Schwächen hinwegzutäuschen.

Tough, aber nicht tight genug; grimmig, aber nicht glaubwürdig genug: Viel gewollt, wenig Mitreißendes geschafft. Muss man nicht sehen. Oder halt in drei Monaten auf 3Sat.
D.S.

25.08.2013, 03:39



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