The Congress

Break on through - Psychotrip

von Frank
Ari Folmann hat sich mit seinem Mammutprojekt einiges zugemutet. Der Fundus an Ideen, Themen und deren Verknüpfungen ist beachtlich und allein der Versuch, all dies filmisch aufzuarbeiten, verdient großen Respekt, auch vor dem Hintergrund der Inspiration durch eine literarische Vorlage von Stanislav Lem.

Allgemeine Themen bzw. Fachgebiete, die "The Congress" behandelt oder berührt, sind:

1. Medium Film, im Speziellen:

Die Filmindustrie und ihre Beziehung zu ihren Schauspielern.

Wandel und Methoden der Filmindustrie vor dem Hintergrund sozial (ökonomischer) Veränderungen - Wechselbeziehungen zwischen Gesellschaft und Unterhaltungsindustrie

2. Sozialwissenschaften, im Speziellen:

Sozialgefälle - Zwei-Klassen-Gesellschaft

3. Kognitionswissenschaft/Wahrnehmung, konkret:

Realität als persönliche Schöpfung - Subjektivität

Der freie Wille

4. Medizin, im Speziellen:

Beeinflussung oder überhaupt Entstehung von „Realität" durch chemische/neuronale Einflüsse

5. Technologie, im Speziellen:

Grenzen, Möglichkeiten und der Einfluss von Technologie

Mit der Wahl der stilistischen Mittel schlägt „The Congress" einen vielversprechenden Weg ein, um seine unterschiedlichen, doch durchaus in Beziehung stehenden Themen filmisch miteinander zu verknüpfen bzw. deren Zusammenhänge aufzuzeigen.

So ist die erste Filmhälfte als Realfilm angelegt; Harvey Keitel fungiert als Manager für die im Mittelpunkt stehende Schauspielerin Robin Wright. Zwei Monologe sind es - einer davon wirklich großartig, von Harvey Keitel mit starkem Ausdruck gespielt, wie ich finde -, die Robin davon überzeugen, die Rechte an ihrem Aussehen an das Miramount Studio zu überschreiben. Selbst ihren Kindern gelingt es nicht, sie von ihrem Entschluss, in den Vertrag einzuwilligen, abzubringen (ihre ca. 10 Jahre alte Tochter erinnert an die junge Wynona Ryder). Realisiert wird die Übertragung (es drängt sich mir auf, von Transformation zu sprechen, was allerdings nicht völlig zuträfe) durch einen technologischen Scan; eine lange Filmsequenz, die mich gleichermaßen fasziniert wie emotional berührt hat.

Demgegenüber ist die zweite Hälfte als Animationsfilm konzipiert und besticht vor allem durch ihre psychedelische Bilderflut. Die Figurenzeichnung sagte mir nicht so zu bzw. war gewöhnungsbedürftig, doch zahlreiche Anspielungen und die Animation einiger prominenter Persönlichkeiten haben für so manchen Lacher gesorgt. Ansonsten bot der Animationspart eine immense Fülle an Eindrücken. Es gibt wirklich viel zu entdecken. Ich bin mir sicher, eine zweite Sichtung offenbart noch eine Menge Details. Nur: Will man diese zweite Sichtung? Will ich sie?

Hohe Ansprüche eines Filmemachers an sein Werk sind ja per se nichts Schlechtes. Jedoch sollten sich die damit verbundenen Anstrengungen nicht auf den Zuschauer übertragen. Nach Ende des Films konnte ich die ganze intellektuelle Arbeit, die Ari Folmann in diesen gesteckt hat (und das ist zweifellos eine ganze Menge), am eigenen Leib spüren, als hätte ich sie wie ein Schwamm aufgesaugt. Ich fühlte mich sonderbar (nicht wohlig) erschöpft, überansprucht, ausgelaugt und leer, aber nicht bereichert. "The Congress" saugt Energie, und das sollte ein Film nicht tun.

Durch die Art der Annäherung an seine Themen prägt "The Congress" dem Zuschauer seine ganze intellektuelle Schwere auf.

Es ist in erster Linie diese Intellektualität, die seine Konsumierbarkeit und damit auch den Spaß daran so erschwert, ihn stellenweise konstruiert erscheinen lässt und letztlich seine Gesamtqualität mindert.
Es ist auch anstrengend, sich mit ihm auseinanderzusetzen.

Fazit

Handwerklich kann ich an diesem "The Congress" nichts aussetzen. Das Schauspiel war gut, mit trockenem Humor im Realteil, die Musik passend, der Animationsstil Geschmacksache. Das Drehbuch hätte über die gesamte Länge vielleicht etwas mehr hergeben können.

"The Congress" - Ari Folmann - gelingt es jedoch auf Grund seiner vorrangig intellektuellen Ansprüche bzw. Annäherung an sein Sujet und der Tatsache, dass er sich darin etwas zu ernst nimmt, nicht, seine fantasievollen Welten mit den Themenschwerpunkten seiner Intention gemäß in ein genügend homogenes und harmonisches Gefüge zu integrieren bzw. zu transformieren.

Für mich umso bedauerlicher, da mich sowohl seine Themen interessieren, wie ich der Sci-fi-Fantasy zugeneigt bin. Ich bin der Ansicht, dass er aufgrund seines genreübergreifenden Stilmixes grundsätzlich sehr gut als Eröffnungsfilm passt, nicht aber wegen seines intellektuellen Charakters.

Nun stehe ich vor dem persönlichem Dilemma, diesen Film bewerten zu wollen, es aber letztendlich nicht zu können. In die Animationswelt möchte ich gerne noch ein zweites Mal eintauchen und nach unentdeckten Bildern suchen, während ich mich nicht nochmal seines intellektuell-konstruierten Charakters und der daraus folgenden Ermüdung aussetzen möchte.
Frank
sah diesen Film im Cinemaxx 1, Hamburg
 
31.08.2013, 00:50



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