The Congress

Nimmst du die blaue oder die rote Ampulle?

von D.S.
THE CONGRESS ist alles andere als ein schlechter Film. Er spricht große, gar philosophische Fragen an, er entführt uns in eine liebevoll animierte, inspirierende Fantasiewelt, er schafft es immer wieder, den Zuschauer nachdenklich zu machen und bleibend zu berühren. Wie diese Beschreibung allerdings schon vermuten lässt, ist er gleichzeitig auch ein alles andere als einfach zu konsumierender Film. Er erfordert Aufmerksamkeit, Ausdauer sowie ein gesteigertes Interesse an seinen Themen - und liegt einem ziemlich schwer im Magen. Sprich, ein „typischer" Eröffnungsfilm des FFF sieht anders aus, wie ja mittlerweile bekannt sein dürfte.

Ich persönlich bin durchaus froh, an dieser prominenten Stelle von einer dümmlichen Komödie à la BLACK SHEEP oder einem massenkompatiblen Durchschnittshorrorfilm verschont zu bleiben; das heißt aber noch lange nicht, dass mich THE CONGRESS begeistert hätte.

Zwar halte ich einige der von ihm erörterten Gedanken im Hinblick auf die Bedeutung von unser aller Dasein tatsächlich für sehr wichtig, wenn nicht sogar entscheidend - darunter den (etwa auch in MATRIX im Trivialstil behandelten) Fragenkomplex, ob man nun eigentlich der glücklichere Mensch ist, wenn man die Augen vor der Realität verschließt, oder aber, wenn man die Wahrheit erkennen kann.
Zwar konnten mich einige Szenen, sowohl in der „echten" als auch in der animierten Welt, bemerkenswert stark bewegen.
Zwar bin ich begeistert ob des Einfallsreichtums und der Detailverliebtheit, mit der letztere gestaltet wurde.

Aber... mir fehlte die Stringenz in der Erzählung. Mir fehlte zwischenzeitlich immer wieder das Tempo. Mir wirkten viele der Dialoge zu hölzern, aufgesetzt, im eigentlichen Sinne theatralisch. Kurz: Ich fühlte mich zu selten gepackt und verlor mich im oft ereignislosen, zähen Strom der Geschehnisse zu häufig in der Langeweile.

Ein wenig Straffung und vielleicht auch eine weitergehende, fokussiertere Ausarbeitung des Drehbuchs hätten für meinen Geschmack nicht geschadet. So bleibt THE CONGRESS ein spannendes, teils beeindruckendes Experiment zwischen tiefschürfender Ernsthaftigkeit und überbordender Fantasie, das aber zu wenig Spielfilm ist, um als solcher voll und ganz bestehen zu können. Definitiv jedoch haben wir es hier mit einem der mutigsten FFF-Eröffnungsfilme aller Zeiten zu tun; noch dazu mit einem, der inhaltlich wie stilistisch zu 100% auf dieses Festival gehört - auf welches auch sonst? Bin deshalb insgesamt hin- und hergerissen und vergebe (nur) 6 Punkte; bin aber absolut der Meinung, dass man den Film gesehen haben sollte, und zwar am besten auf der großen Leinwand.

Als Anmerkung noch: Der Animationsstil hier unterscheidet sich aufs deutlichste von WALTZ WITH BASHIR; dessen Look hat THE CONGRESS erst ganz am Ende. Tatsächlich erinnert die Zeichentrick-Welt, oder jedenfalls ihre Menschen, stark an ganz ganz klassische Cartoons. Als Nicht-Kenner der Materie fühlte ich mich irgendwo zwischen LOONEY TUNES und den FREAK BROTHERS.
D.S.
sah diesen Film im Metropolis 5, Frankfurt

05.09.2013, 02:00



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