The Philosophers

Nicht mal Hamburger Schule

von D.S.
Interessanterweise lässt sich fast jeder Aspekt der Handlung und Aussage(n) von THE PHILOSOPHERS mit ein paar Songtiteln von TOCOTRONIC in nahezu chronologischer Reihenfolge beschreibend zusammenfassen:

„Um die Ecke (gedacht)". „Imitationen". „Explosion". „Aus meiner Festung". „Aber hier leben, nein danke". „Morgen wird wie heute sein". „Harmonie ist eine Strategie". „Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen". „Im Zweifel für den Zweifel". „Das Blut an meinen Händen".
Und vor allem: „Pure Vernunft darf niemals siegen", „Bitte, gebt mir meinen Verstand zurück" sowie natürlich „Die Folter endet nie".

Wären allesamt gute Zwischentitel gewesen. Allerdings haben TOCOTRONIC zwar durchaus manche guten Ein- und Ansichten, die Ebene tatsächlich wert- bzw. erkenntnisschaffender Philosophie erreichen sie aber natürlich nie. Ist halt Hamburger Schule, nicht etwa Frankfurter. Ganz ähnlich, aber noch ärger verhält es sich mit THE PHILOSOPHERS selbst: Der donnert uns zwar zahllose Zitate und Theoreme aller wichtigen Autoren aus dem „Großen Buch der Philosophie für Einsteiger" um die Ohren, wie etwa solche von Wittgenstein, Platon, Descartes und und und, unterschwellig werden auch die Thesen etwa von Machiavelli, Rousseau und Hobbes diskutiert. Allerdings geschieht das auf einem derart oberflächlichen Level, dass es schlicht haarsträubend erscheint, darauf eine Handlung aufzubauen. Wir erleben hier Absolventen eines Elite-Internats, sprich, die kommenden Führer der Welt? Na Hallelujah, das wird ja mal eine lustige Zukunft geben.

Aber gut, ignorieren wir mal das Kindergarten-Niveau der nur vordergründig hintergründigen Unterhaltungen, mit denen der Film seine Tonspur füllt (und von denen glücklicherweise die atemberaubenden Landschaftsaufnahmen ablenken, die vermuten lassen, dass das Tourismusministerium Indonesiens einen nicht unerheblichen Teil zur Finanzierung dieses Projekts beigetragen hat): Viel schlimmer ist, dass die pseudo-hochgestochenen Aussagen aus den Mündern von Teenies kommen, denen man größtenteils höchstens eine Rolle als Bademoden-Model zutrauen würde. Von James D’Arcy als (nahezu schmierig daherkommender) Lehrer sowie HARRY POTTER-„Star" Bonnie Wright einmal abgesehen, legt hier niemand größeres Schauspieltalent an den Tag, dafür fast puppenhafte „Schönheit". Entsprechend wirken die allermeisten Dialoge unglaublich gestelzt, zu hochtrabend, schlicht unnatürlich.

Über die erste Hälfte kann der Film immerhin noch recht gut unterhalten, und man ertappt sich auch mal bei der Frage, wen man selbst denn in den vor der atomaren Apokalypse schützenden Bunker hineinlassen würde und wen nicht. Spätestens beim dritten Durchlauf des „Gedankenexperiments" hat man dann jedoch genug. Genug von der Künstlichkeit von Set-up und Look, von der Hohlheit und Oberflächlichkeit der Dialoge, von der penetranten politischen Überkorrektheit, die der Film aus allen Poren atmet, von der Aalglattheit von Darstellern, Figuren, Sets und Handlungskonsequenzen.

Vor allem aber beginnt der Film nun, die von ihm selbst aufgestellten Regeln zu brechen, die man ohnehin nie für voll nehmen konnte. Denn Visualisierung des Gedankenexperiments an Ort und Stelle, im Bunker, hin oder her: Als Zuschauer vergessen wir nie, dass alle Protagonisten sich die ganze Zeit nur im Klassenzimmer aufhalten und natürlich keinerlei echte Gefahr für sie besteht. Schwerer Stand für Dramatik, Sorge, Mitfiebern.

Dann nimmt die Handlung eben auch noch einen schweren Kurswechsel Richtung Kitsch vor - Einblendung TOCO-Titel: „Pure Vernunft darf niemals siegen" -, und man hat kleine Reste des gestrigen Abendessens zu Besuch in der Mundhöhle. Wobei, um fair zu bleiben, die tatsächliche Aussage des Ganzen vielleicht doch eine andere ist als die, welche uns der Film zunächst als Statement zu geben scheint.

Alleine schon dieser gefühlten Diskrepanz zwischen Gezeigtem und Gemeintem wegen fühle ich mich immer noch genötigt, über THE PHILOSOPHERS nachzudenken. Was ich nicht von jedem Film des Festivals behaupten kann. Zudem ist seine Umsetzung zwar streckenweise zum Fremdschämen plump und naiv, seine Idee aber höchst interessant. Und wie erwähnt, zunächst habe ich mich auch gar nicht mal gelangweilt.

Zusammengenommen gibt das von mir zwiegespaltene, irritierte, zum Teil angekotzte, zum Teil interessierte 5 Punkte. Vielleicht aber auch nur, weil ich hier die Verfilmung eines letzten Titels von TOCOTRONIC miterlebt habe: „Die Grenzen des guten Geschmacks".
D.S.
sah diesen Film im Metropolis 8, Frankfurt

11.09.2013, 05:30



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