crazy

La chute de la maison Usher

Hang the DJ!

von D.S.
Ich mache es kurz: Eigentlich möchte ich dieses audiovisuelle Experiment gar nicht bewerten, denn das fühlt sich automatisch unfair an. Der Film kann ja nichts dafür, wie er in der Neuzeit vertont wird. Die Vertonung spielt aber – zumindest in dieser Fassung – eine derart große Rolle, dass man nicht über sie hinwegsehen und den Film quasi „für sich betrachtet“ bewerten kann. Sollte man ja auch nicht, klar, schließlich geht es hier ja gerade um das neuartige Zusammenspiel von alt und modern. Sicher. Aber... Verdammt, ich mache es noch kürzer: Was hier auf der Tonspur geschieht, ist in meinen Augen bestenfalls Ignoranz, schlimmstenfalls Verachtung für das filmische Werk und mindert seine Wirkung, wenn nicht gar seinen Wert, ganz beträchtlich. Fühlt sich nicht richtig an, deshalb dem Gesamterlebnis ein schlechtes Zeugnis auszustellen – wie gesagt, der Film kann ja nichts dafür. Aber es bleibt einem kaum etwas anderes übrig, wenn man den Rest der Welt davor „warnen“ möchte ;)

Ich kannte vorab die Originalerzählung von Poe, nicht jedoch diese Verfilmung oder gar die neue, digitale Restauration. Diese scheint mir gut gelungen zu sein, für einen Film dieses Alters ist das Bild erstaunlich klar und detailreich. Allerdings basiert sie auf mehreren verschiedenen Negativen, die sich in Schärfe und Schwarz-Weiß-Färbung recht deutlich voneinander unterscheiden; gewisse „Brüche“ in der Optik sind also nicht zu vermeiden. Auch der Film selbst ist durchaus beeindruckend, hat eine starke visuelle Sprache und setzt in einigen Szenen überraschend modern wirkende Kameraperspektiven und -fahrten ein. Ich bin mir sicher, dass er auch heute noch verzaubern könnte – wenn er nicht gerade mit lauten Dance-Beats unterlegt ist.

Ernsthaft, wer bitte ist auf diese musikalische Untermalung gekommen? Wie soll eine Atmosphäre „finsterer Melancholie“ entstehen, wenn von vorne bis hinten ein Rhythmus durchwummert, der das visuelle Geschehen komplett überlagert und in 90% der Fälle nicht im Geringsten zu dem passt, was gerade auf der Leinwand geschieht? Ich habe absolut nichts gegen Elektro, schon gar nicht gegen moll-lastige, sich zwischen TripHop (mit Café-del-Mar-Anklängen) und Deep House bewegende Töne. Hier schienen diese aber viel zu sehr im Vordergrund des Experiments zu stehen. Die Tonspur dominiert das Bild; nur in wenigen Momenten ergibt sich eine Stimmigkeit; insgesamt wirkt es eher so, als wäre man in einem Dance-Club, in dem zu den Beats des DJs einfach irgendein Schwarz-Weiß-Klassiker an die Wand geworfen wird, der originell düsteren Atmosphäre wegen.

Wenn elektronische Musik, dann wären vielleicht sphärische Klänge oder auch verhallte Percussion-Sounds angemessen gewesen – sicher nicht jedoch eine laut stampfende Baseline, die sich ohne Rücksicht auf Stimmung und sonstige Verluste geradlinig durch den Film donnert. Und an dessen Ende fast unbeholfen ganz schnell ausgeblendet wird. Der absolute Tiefpunkt: eine Sequenz, in der die unglückselige Frau Usher bereits im Sarg auf dem Boden des Salons liegt, ihr Mann schwer leidet, und auf der Tonspur dazu der Refrain „I like it when your body gets down“ zelebriert wird. Sollte das lustig sein? Na dann: Ha. Ha. Auch, wenn Figuren auf der Leinwand plötzlich – unwillentlich – förmlich „im Takt nicken“ und aus verstörten Verzweifelten dadurch chillige Trance-Brüder gemacht werden. Ein echter Brüller.

Der DJ ist für mein Empfinden absolut unsensibel mit dem filmischen Material und seiner intendierten Stimmung umgegangen – so er es denn überhaupt gesichtet hat, bevor er sich an die Arbeit gemacht hat. Was ich für fraglich halte. Nee, nicht cool, wirklich nicht. 3 Punkte, aus Respekt dem Film gegenüber.
D.S.
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

31.08.2014, 03:57



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