crazy

It Follows

You have Sex, you die

von D.S.
Eines muss man IT FOLLOWS zugutehalten: Er bringt die allen klassischen Teenie-Slashern ultimativ zugrundeliegende Formel, dass Sex das Ableben zur Folge hat, so direkt und konkret wie kein anderer Film zuvor auf den Punkt. Dafür liefert er einem aber auch einige Gründe, enttäuscht von ihm zu sein. Der größte: Er versenkt eine wirklich bedrohliche Ausgangsidee sowie eine Anfangsviertelstunde, die blanker Terror ist, durch eine unausgereifte Umsetzung und vor allem durch mangelnde Phantasie bei der Storyentwicklung.

Im Kern ist IT FOLLOWS eigentlich RINGU auf amerikanisch: Ein mysteriöser Fluch verbreitet sich auf unheilvolle Weise, und er wird auch dich töten, wenn du ihn nicht an jemand anderen "weiterreichst".

Und das tust du, indem du mit jemandem schläfst. Was natürlich andersherum heißt: Wenn du mit jemandem schläfst und nicht aufpasst (ob er den Fluch hat), fängst du ihn dir ein. Zu offensichtlichen Interpretationsmöglichkeiten dieses Set-ups sage ich jetzt mal nichts. Wohl aber dazu, dass mir dieser Fluch, nebenbei, ein heteronormativer zu sein scheint: Es wird zwar nicht explizit thematisiert, aber es wirkt so, als funktionierte das Übertragen des Fluches nur mittels des Ausschüttens bzw. Empfangens bestimmter Körperflüssigkeiten in bestimmte(n) Körperöffnungen. Was heißen würde, dass fluchverseuchte Schwule und Lesben, nun ja, gefickt sind. Oder aber die einzigen, die vor dem Fluch grundsätzlich geschützt sind, weil sie ihn sich ja gar nicht erst einfangen können. Wie interpretieren wir DAS jetzt...?

Woher dieser Fluch kommt, wie viele Opfer er bereits gefordert hat, ob man ihn nicht vielleicht ganz und gar aus der Welt schaffen könnte, all das wird nicht ansatzweise thematisiert (selbst das Naheliegendste unterlassen unsere Protagonisten, nämlich einfach mal Freund Google zu Rate zu ziehen): Er ist da, er ist hinter dir her, du kannst dich nicht wehren, Ende. Das wirkt sehr "japanisch", und es sorgt für eine panikhafte Grundatmosphäre. Ebenso wie der Fakt, dass unsere Ofer-Helden buchstäblich auf sich selbst gestellt sind: Wer nicht vom Fluch betroffen ist, kann ihn auch nicht wahrnehmen; Erwachsene spielen im Film sowieso keine Rolle. Womit natürlich ein weiteres uraltes Horrormotiv auf die Spitze getrieben wird: Die Eltern tun die Ängste ihres Kindes als Einbildung ab und glauben ihm erst, wenn es zu spät ist.

Durch seinen kaum verhüllten Subtext entpuppt sich IT FOLLOWS also in gewisser Hinsicht als der ultimative Jugend-Horrorfilm, eine Coming-of-Age-Geschichte der besonders rabiaten Art. Soweit, so interessant, und zunächst auch auf seiner ganz konkreten Ebene äußerst spannend und adrenalinausschüttungsfördernd umgesetzt. Leider wird aber die Bedeutung des Fluchs für seine Träger, d.h. sowohl das Spektrum der von ihm ausgehenden Bedrohung als auch die Konsequenzen der einzigen Möglichkeit, seinen tödlichen Folgen zu entgehen, bereits früh im Film im vollen Umfang etabliert und später auch nicht mehr variiert. Kurz: über den Versuch des Weglaufens kommt der Inhalt der Handlung nur selten hinaus. Und da von Anfang an klar ist, dass Weglaufen nicht wirklich funktioniert, macht sich irgendwann doch eine gewisse Langeweile breit, dem Bedrohungspotential des „Es kommt, und du kannst es nicht aufhalten“-Gedankens zum Trotz. Was nicht dadurch besser wird, dass viel zu oft einfach nur ziellos herumgefahren wird und ein ums andere Mal die gleichen tristen Häuserreihen kommentar- und belanglos die Leinwand füllen.

Es wirkt ein wenig so, als sei den Machern nach dem Entwickeln ihrer großartigen Grundidee ein wenig die Puste ausgegangen; die Möglichkeiten des Stoffes werden bei weitem nicht ausgeschöpft. Dafür wird seine beklemmende, verunsichernde Wirkung durch eine technisch mangelhafte Umsetzung beschädigt. Billige visuelle Effekte und stellenweise sogar unfreiwillige Komik beim Versuch der Protagonisten, den Fluch abzuwehren (ich sage nur THE INVISBILE MAN!), senken das Terrorlevel deutlich.

Ich bin alles andere als ein Fan von Remakes, hier aber würde ich mir eines wünschen: Versiertere Drehbuchautoren und Regisseure könnten aus dieser Thematik etwas machen, was IT FOLLOWS leider nur in Ansätzen ist, könnten den Puls hoch halten, könnten das Gefühl von Verfolgungswahn noch deutlich eskalieren lassen.

Zwar ist der Film auch so klar zu empfehlen und sorgt beim einen oder anderen nach Sichtung bestimmt für ein ungutes Gefühl auf dem Weg nach Hause. Ich bin aber enttäuscht bis sauer darüber, wie viel Potential hier verschenkt wurde. 6,5 Punkte; einen davon für den tollen Carpenter-style Score.
D.S.
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

03.09.2014, 14:22



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