crazy

Patch Town

Wo die Babys herkommen

von D.S.
Das hatte ich nicht erwartet: Ein Weihnachtsfilm mit viel fröhlichem Gesang, der George Orwell mit Tim Burton und Terry Gilliam kreuzt! Das Setdesign einer recht deutlich sowjetisch "angehauchten" Quasi-Arbeitslager-Fabrik, in dem grau gekleidete arme Tölpel frische Babys aus Kohlköpfen schneiden, damit aus ihnen die schönsten Puppen für verwöhnte Kapitalistenkinder gezaubert werden können, ist liebevoll trist bis ins Detail; und während die Arbeitsbedingungen fatal an "Santa’s Workshop" aus FUTURAMA erinnern, werden hier atmosphärisch automatisch Erinnerungen an NIGHTMARE BEFORE CHRISTMAS usw. wach.

Was nicht zuletzt auch an der Zeichnung der Antagonisten liegt, die als märchenhaft romantisch-böse Gestalten mit sinisteren Plänen vorgestellt werden, aber in fast allen Fällen unter ihrer fiesen Schale doch einen menschlichen Kern haben. Vom Chefbösewicht, dem Fabrikbesitzer Yuri, wohl einmal abgesehen - aber der hat dafür eine Hintergrundgeschichte zu seiner skrupellosen Verbitterung, die uns in einer grandios gefilmten Rückblende nähergebracht wird.

Ehrlich gesagt sind Yuri und die anderen "Bösen" hier die klar interessanteren Charaktere als die "guten" Protagonisten, in deren Zentrum das naive Dickerchen Jon steht, der aus dem Arbeiter- und Bauernparadies in die glitzernde Großstadt rübermachen will, um dort ein erfüllteres Leben zu finden - und seine Mutter. Die bleibt allerdings arg blass, wie auch Jon selbst im Wesentlichen, und seine Frau sowieso. Zum Glück gibt es auf ihrer Seite auch noch den lässigsten Inder des Weihnachtsuniversums, den Lieferwagenfahrer und Aushilfself Sly aka "Sly Truckgui" aka "Sly is Fly". Der gewinnt garantiert alle Zuschauerherzen für sich und sorgt durch seine Mimik sowie seine schräg dämlichen Sprüche in feinstem Indisch-Englisch immer wieder für kollektives Gelächter.

Von ihm hätte ich mir mehr gewünscht, ebenso vom Imperium des Puppen-Bösen mit seinen Teufelsmaschinen und Welteroberungsstrategien. Stattdessen bekam ich mehr Gesang. Der mir leider ziemlich auf die Nerven ging. Mein ganz persönliches Hauptproblem bei der Sichtung von PATCH TOWN war aber wohl, dass ich nicht ganz in der richtigen Stimmung für ein Weihnachtsmärchen mit simpel gestrickter Story, noch simpler gestrickten Figuren und größtenteils absolut kindgerechter Inszenierung war.

Daher kann ich auch nicht mehr als 6 Punkte vergeben, die "objektiv" betrachtet aber ziemlich unfair sind. Denn was der Film machen will, macht er gut; er unterhält weitestgehend ohne Längen, hat viel treffenden Humor und lässt es dem einen oder anderen sicher warm ums Herz werden. Ich probier’s im Dezember noch mal.
D.S.
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

06.09.2014, 03:09



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