The Strange Color of Your Body’s Tears

Die Kunst der Reizüberflutung

von D.S.
Der Film mit dem wohl poetischten Titel des diesjährigen Festivals – der Film, der das Publikum wohl spalten wird wie kein Zweiter. Zu behaupten, gegen das neue Werk von Hélène Cattet und Bruno Forzani wäre etwa UNDER THE SKIN massentaugliche Durchschnittsware, ist natürlich blanke Polemik: letzterer ist ein hochintellektueller, spröder, hintergründig leise hypnotisierender Trip ins Innere, während dieser Neo-Giallo im genauen Gegenteil ein visuell wie akustisch rauschhaft opulentes Reizfeuerwerk darstellt, das sich in schierer Oberfläche und auf jeder Ebene lauter Symbolik ergeht. Beide Filme sind also nicht im Geringsten zu vergleichen, wählen unterschiedlichste stilistische Wege und bedienen völlig verschiedene Zuschauerinteressen. Während beide Filme mit Sehkonventionen brechen, außerordentlich fordernd und schwer zu dechiffrieren sind, bietet UNDER THE SKIN allerdings immerhin eine klar erkennbare Erzählstruktur. THE STRANGE COLOR hingegen präsentiert sich uns als fast reines Kunst-Werk, als Art-Nouveau-Experiment in gesättigten Farben und dissonanten Klängen, das so weit weg von jeglicher Form filmischer Normalität ist, wie man es sich selbst im erweitertsten Genre-Kontext nur vorstellen kann.

Ich will mir nicht anmaßen, seine Handlung oder seine Stilistik nach einmaliger Sichtung erklären zu wollen. Dazu fehlt mir die Kompetenz, das Vokabular, bislang auch das Verständnis. Meine unmittelbare persönliche Wahrnehmung fand Anklänge an SUSPIRIA (die Intensität der Farben, ihr Einsatz, ihre Konnotation; die Kameraperspektiven) sowie auch ENTER THE VOID (der Schnitt, der Umgang mit Geräuschen) und zog automatisch Vergleiche mit AMER, der in Relation zu THE STRANGE COLOR deutlich strukturierter, gedeckter, zahmer erscheint - und anders als dieser fast komplett auf Dialog verzichtet.

Davon bietet THE STRANGE COLOR eine erstaunliche Menge, allerdings ist er oft repetitiv und zusammenhanglos, weshalb er genau wie die visuellen Elemente eher als Stilinstrument denn als Inhaltsträger wirkt.

Überhaupt, der Inhalt: Vordergründig erzählt der Film eine einfache Geschichte, die sich im Gegensatz zu der von AMER auch konkret erschließen lässt. Ein Mann kommt von seiner Dienstreise, die ihn nach Frankfurt geführt hat, zurück nach Hause, und findet seine Wohnung zwar von innen mit Kette verriegelt, aber menschenleer vor: Seine Frau ist verschwunden. Verzweifelt versucht er, sie wiederzufinden, und gerät dabei in Kontakt mit seinen seltsamen Nachbarn - die ihm von ihren eigenen mysteriösen Erfahrungen mit dem Haus berichten - sowie mit der Polizei in Form eines grantigen Ermittlers, der ihm nicht wohlgesonnen ist. Und seinen immer bizarreren Berichten über die unheimlichen Vorgänge in verborgenen Gängen im Gemäuer keinen Glauben schenkt - bis er selbst mit der blutrünstigen Kraft konfrontiert wird, die hier am Werke zu sein scheint.

Was allerdings wirklich dahintersteckt, was Realität und was Halluzination ist, welches die wahren Hintergründe des seltsamen Geschehens sind: das erlaubt einem THE STRANGE COLOR nicht so leicht herauszufinden. Die Szenarien, die Handlungsorte, die beteiligten Figuren; ihr Äußeres, ihr Verhalten, ihre Absichten - das geht alles fließend ineinander über, unterbrochen, unterlegt, durchdrungen von Sequenzen reiner Symbolik, die in Nahaufnahmen und Klangkaskaden ein Gefühl orgiastischer Sinnesüberflutung erzeugen und - so auf den ersten Blick - wohl am ehesten als brachial intensive Momentaufnahmen experimenteller expressionistischer Kunst gewürdigt werden können.

Mir fehlen die Vergleichsmöglichkeiten, mir fehlen die Optionen, die Wirkung von THE STRANGE COLOR adäquat in Worte zu fassen. Darum hier ganz unbeholfen: Dieser Film zeigt, welche Kraft Bilder und Töne in der Hand von manisch Stilversessenen haben können. Dieser Film wird viele anstrengen, überfordern, langweilen. Dieser Film ist am Ende vielleicht gar kein "Film". Aber er ist ein rauschhaftes Erlebnis, das die Wahrnehmung bis zum Äußersten mit Leben erfüllt, ja explodieren lässt, alle Sinne in einem Reizsturm auflädt und ertränkt. Wenn das FFF nicht genau für derart außergewöhnliche, überwältigende Eindruckswelten gemacht ist - wofür dann? Sprachlose 8,5 Punkte.
D.S.
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

06.09.2014, 05:58



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