von Fans für Fans

Cannibal

Weniger blutige als anspruchsvolle Kost

von D.S.
Sicherlich einer der Filme dieses Jahr, die den Zuschauer am meisten fordern – aber weniger der Komplexität seiner Handlung oder der Radikalität seiner Stilmittel wegen. Nein, CANNIBAL erzählt eine straighte Story auf ganz konventionelle Weise, wenn man mal von der Doppelbesetzung von Schauspielern in verschiedenen Rollen absieht. Was ihn (zumindest für Vielseher) so "anstrengend" macht, ist seine Langsamkeit. Seine extreme Langsamkeit. Schon um 15 Uhr hatte ich zeitweise echte Schwierigkeiten, mich wachzuhalten. Na gut, es war der zwölfte Festivaltag und mein 58. Film – aber nach der Eröffnungssequenz setzt CANNIBAL über eine gute Stunde lang schlicht ÜBERHAUPT keine Reizpunkte mehr. Man braucht also eine gewisse Kondition und echte Bereitschaft, sich auf dieses stille Psychogramm einer gestörten Figur einzulassen, um dem Film etwas abgewinnen zu können.

Es lohnt sich aber, diese aufzubringen, den unter seiner kaum bewegten Oberfläche verbirgt CANNIBAL viel Lohnenswertes. Dabei ist kaum verkennbar, dass das Kannibalismusthema hier nur symbolhaft benutzt wird und es im Kern um universellere seelische Konflikte geht; um die Schwierigkeit der Selbstverortung und die Herausforderungen sozialen Miteinanders tief verletzter Persönlichkeiten.

Protagonist Carlos ist Herren-Maßschneider in Granada, gutsituiertes und hoch angesehenes Mitglied der Gemeinschaft. Wenn man ihn näher betrachtet, wie der Film es tut, merkt man jedoch schnell, dass er große Probleme mit Nähe und zwischenmenschlicher Wärme hat. Insbesondere der Umgang mit dem weiblichen Geschlecht bereitet ihm sichtlich Unbehagen, sie verunsichern ihn, ja schüchtern ihn ein. Da sein Alltagsleben sich fast nur auf die Arbeit konzentriert und seine Kunden ja ausschließlich Männer sind, kann er den Kontakt mit Frauen weitgehend vermeiden. Diejenigen, mit denen er doch zu tun hat, werden – zwar subtil, aber doch unübersehbar – als ihm gegenüber recht dominant, unfreundlich, fordernd dargestellt.

Seine Art, mit diesem Problem umzugehen und Frauen letztendlich doch einen großen Platz in seinem Leben einzuräumen: Er tötet sie. Zerteilt sie. Lagert sie im Kühlschrank. Und verspeist sie als kaum angebratene Filets. Näher kann man einem Menschen schließlich kaum kommen, als ihn buchstäblich in sich aufzunehmen, oder?

Dann aber tritt eine neue Person in sein Leben ein. Eine Frau, die ihm anders begegnet. Keine Ansprüche an ihn stellt; ihm echte Freundlichkeit und Dankbarkeit erweist. Und er beginnt sich langsam emotional zu öffnen, seine eisige Distanz abzubauen. Aber wie weit kann diese Annäherung gehen? Kann er seinen Lebensstil ändern, seine Angst vor dem anderen Geschlecht, vor Verletzlichkeit und Kontrollverlust ablegen...?

Dies ist aber nur ein Teil der im Subtext von CANNIBAL zu verortenden Themen. Es geht auch um den Unterschied zwischen Verlangen und Liebe sowie, auf einer tieferen Ebene, um die Bedeutung von Religion für die kollektive Psyche eines erzkatholischen Landes wie Spanien sowie den Einfluss, den sie auf die Rolle der Frau in einer solchen, patriarchalisch geprägten Gesellschaft hat.

Wie gesagt, all das wird bei äußerst niedrigem Tempo und kaum vorhandenem Spannungsbogen transportiert. Dennoch kann CANNIBAL beeindrucken – einerseits wegen seiner ungewöhnlichen Form der Auseinandersetzung mit derart schweren Themen, andererseits und vor allem durch sein großartiges Schauspiel, das alle Figuren sehr plastisch und realistisch erscheinen lässt. Vom Detail abgesehen, dass rumänische Einwanderer nach gerade einmal 1,5 Jahren Aufenthalt im Land im echten Leben wohl kaum ein so fließendes Spanisch sprechen, wie es hier der Fall ist.

Wer die Muße und noch genügend Aufmerksamkeit übrig hat, sollte sich CANNIBAL jedenfalls ansehen. Es gibt einiges zu erschließen – und das zieht einen auf Dauer dann auch wirklich durchaus in den Bann. Gut gefilmt ist es außerdem. 6 Punkte.
D.S.
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

09.09.2014, 03:56



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