crazy

Among the Living

Gute Genre-Ware, nicht mehr und nicht weniger

von D.S.
Ich kann verstehen, dass viele Leute vom neuen Werk von Julien Maury und Alexandre Bustillo ziemlich enttäuscht sind. Denke aber, das liegt zu guten Teilen an einer Erwartungshaltung, die auf dem außergewöhnlichen Charakter ihrer vorherigen Filme basiert: INSIDE ist eine nach wie vor unerreichte Blut-Symphonie, LIVID ein einzigartig atmosphärisches, morbides Märchen. AMONG THE LIVING dagegen ist "nur" ein Horrorfilm. Er bietet nichts, was es nicht schon x-mal gegeben hätte; er kann weder durch inhaltliche Exzesse entsetzen – wenn man von ein, zwei dann doch wahnsinnig brutalen Splatter-Szenen einmal absieht – noch durch stilistische Absonderlichkeiten verzaubern.

Aber: er ist ein äußerst spannungsvoll inszenierter, alle Genre-Devices routiniert wirkungsvoll zum Einsatz bringender Horrorfilm. Wer die Historie der Regisseure vergisst und sich auf diesen Streifen als absolut eigenständiges Werk einlässt, dürfte nur wenige Gründe finden zu meckern – zumindest, wenn er keine Allergie gegen Jugendliche als Hauptfiguren in Genrefilmen hat und den Gehalt einer Story der Effektivität ihrer Inszenierung unterordnen kann.

AMONG THE LIVING präsentiert sich als Variation eines Themas, das nicht zuletzt STAND BY ME in Perfektion etabliert hat: Ein paar Jungs sind gelangweilt vom Alltag in ihrer dörflich öden Umgebung und machen sich in den Sommerferien auf den Weg, ein großes Abenteuer zu erleben. Wie schon im Stephen-King-Plot kommt dieses aber in seiner Form eher zufällig und vor allem deutlich düsterer als erhofft über sie: In den Ruinen eines stillgelegten Filmproduktionsgeländes stoßen sie auf eine Frau, die verschleppt worden ist und von monströsen Gestalten gefoltert zu werden droht. Natürlich glaubt unseren jugendlichen Protagonisten niemand. Also nehmen sie selbst ihre Befreiung in Angriff – und geraten so ins Visier schier übernatürlich gewalttätiger Kräfte, die sie bis in die scheinbare Sicherheit ihres Zuhauses hinein verfolgen, um potentielle Augenzeugen aus dem Weg zu räumen. Der Teeny-Abenteuertrip verwandelt sich so in einen handfesten, ziemlich grimmigen Home-Invasion-Schocker, der seine Storylogik bis zum Ende konsequent auf die Spitze treibt, ohne jemals Gefangene zu machen.

AMONG THE LIVING enthält Reminiszenzen an INSIDE (Beatrice Dalle und was mit ihr passiert) und an LIVID (das Set-Design, das allerdings auch Einflüsse von TEXAS CHAINSAW MASSACRE 2 verarbeitet), ist aber vom typischen, seit einigen Jahren – nicht zuletzt durch diese beiden Regisseure – etablierten französischen Terror-Kino so weit entfernt wie Alexandre Ajas THE HILLS HAVE EYES-Remake, das hier in der Gestaltung des bösen "Wesens" ebenfalls zitiert wird. Sprich: Hier steht nicht Beklemmung, Verstörung, psychologische Intensität im Mittelpunkt, vielmehr erinnert der Film an actionbetonte 80er-Splatterer amerikanischer Prägung.

Wer storyseitig simples, inszenatorisch aber umso rasanteres Genrekino jener Machart schätzt, wird an AMONG THE LIVING mit seinem hommage-artigen Charakter und leicht altmodischen Flair seine Freude haben. Denn innerhalb dieses Rahmens macht der Film nicht viel falsch; man kann ihm höchstens eine nicht optimale Austarierung seiner Handlungsabschnitte vorwerfen: Nach der hochdruckhaften, böse blutigen Eröffnungssequenz nimmt er sich viel Zeit für die Einführung seiner Charaktere und die Etablierung seiner Sommerabenteuer-Atmosphäre, das Finale dagegen erscheint seltsam gehetzt und führt zu einem Ende, das fast schon abrupt wirkt, jedenfalls keinen echten Höhepunkt setzt.

Das kostet ihn für mich mindestens einen halben Punkt, gute 7 sind aber immer noch drin. Denn fesselnd und hart ist AMONG THE LIVING allemal. Man darf halt nur keinen neuen INSIDE erwarten.
D.S.
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

10.09.2014, 18:06



Weitere Informationen (externe Links):
Unterstütze f3a.net durch einen Kauf bei unseren Partnern:
OFDb€ 7,98 € 8,98
amazon.de€ 8,49 € 6,79
amazon.fr€ 14,69 € 18,59 0,00


Der tatsächliche Preis kann abweichen! Preise werden max. stündlich aktualisiert. Markierte Preise sind seit dem letzten Abruf ↓ gesunken oder ↑ gestiegen.