von Fans für Fans

Suburban Gothic

Home is where your hell is

von Dr_Schaedel
Ehrlich gesagt, nach Sichtung der ersten 3 Minuten des Films war ich mir nicht sicher, ob ich diese schrille Bonbonwelt und ihre überdrehten Bewohner anderthalb Stunden würde ertragen können. Hier hat wirklich jeder seinen veritablen Dachschaden (auch das gesamte Art Department), und EDWARD SCISSORHANDS war ein Schwarzweißfilm gegen diese grelle Vorstadt-Farbenpracht.

Aber nach dem ersten Drittel hat man sich dran gewöhnt, und dann nimmt auch die Geschichte ein wenig Fahrt auf. Diese kommt zwar nicht über eine Geisterstory nach Schema F hinaus, spielt aber eigentlich auch keine Rolle, denn der Fokus liegt auf der Figur des Raymond, des Heimkehrers, der immer der Punchingball für alle war, und den alle nun wegen seiner exaltierten Art angehen, weil sie ihn entweder für homosexuell oder für verrückt halten (abwegig ist allerdings beides nicht, von ferne winken Johnny Depps tuckige Performances als Ichabod Crane und Jack Sparrow). Dabei wirkt Raymond in diesem Mikrokosmos zuweilen als letzte Bastion der geistigen Normalität.

Nun, die Geschichte geht ihren Lauf, bleibt weitgehend unblutig und mäandert, von wenigen kleinen Ekelszenen abgesehen, auch für Nicht-Horrorfans erträglich um ihr Thema herum. Spannung sucht man hier, wie schon mehrfach erwähnt, vergebens, aber die ist auch nicht das, worauf es Regisseur Richard Bates Jr. abgesehen hat. Die Essenz der Vorstadt ist es, die er herauspressen will, die aus allen Leuten schon von Kindesbeinen an Neurotiker macht, und in der die Geister fast wie eine bleiche Parallelgesellschaft erscheinen, die nur unserem Protagonisten schlaflose Nächte bereitet.

Man sollte auch den Titel nicht zu wörtlich nehmen und sich statt mit Patchouli und Bauhaus-Musik lieber mit der Betrachtung von Grant Woods Gemälde "American Gothic" von 1930 auf diesen Film einstimmen.

Am Ende bleibt das Gefühl, ein grelles Popcorn-Experiment gesehen zu haben und sich die Zeit mit ein paar wirklich flotten Dialogen im Maschinengewehrtempo vertrieben lassen zu haben. Das macht Spaß, muss man aber nicht um jeden Preis gesehen haben.

Ach ja, und Matthew Ray Gubler dürfte als die erste männliche Scream Queen in die Filmgeschichte eingehen.
Dr_Schaedel
sah diesen Film im Cinema, München

12.09.2014, 15:00



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