crazy

White Bird in a Blizzard

Eine Fabel vom Verschwinden

von D.S.
Die 80er waren eine schlimme Zeit, wie es uns ja gerade etwa COLD IN JULY wieder gnadenlos vor Augen führt: furchtbare Frisuren, Augenkrebs verursachende Klamotten, eine musikalische Obszönität namens Hair-Metal, stolz gelebte Geschmacklosigkeit überall in Kunst, Kultur, Politik und Gesellschaft. Die 80er waren aber auch eine tolle Zeit, zumindest für Jugendliche neben dem Mainstream: Die totale ästhetische Opposition zu und Abgrenzung von sowohl den dumpfen Altersgenossen als auch der verkommenen Elterngeneration war aufs Einfachste möglich; es genügte die Wahl bestimmter Kleidungsarten und musikalischer Präferenzen, schon stand man als cooler Indie-Underground-Typ da und hatte sich den Status eines "eigenen", stylischen Lebensstils erkämpft. Es gab ja weder Hipster noch das Internet, weder allumfassende ironische Brechung noch zu desillusionierender Bedeutungslosigkeit führende Jederzeit-Verfügbarkeit von Szene-Wissen und entsprechenden Selbstinszenierungs-Accessoires – das gewählte Outfit und die gehörte Musik reichten aus, um sich klar zu positionieren und ein unmissverständliches Statement abzugeben. Vielleicht noch wichtiger: Erstmals seit Jahrzehnten musste das kein offensives Statement sein. Verletzlichkeit, Melancholie, Innerlichkeit waren nicht zuletzt dank Bands wie THE CURE, SIOUXSIE AND THE BANSHEES oder auch (der damaligen Form von) DEPECHE MODE Werte, die in relevanten Teilen der Jugendkultur zur Schau getragen werden konnten, ohne sich damit zum buchstäblichen "Opfer", zum Außenseiter ohne Bezug zum Leben und seinen akzeptierten Ausdrucksformen zu machen.

Nun ist Kat, die 17-jährige Protagonistin von WHITE BIRD, zwar alles andere als eine exaltierte Vertreterin eines Dark-Wave- oder gar Gothic-Stils, wie sie etwa die Figur der Lisa im letztjährigen HAUNTER abgab. Schon gar nicht wirkt sie wie eine Rebellin, die sich mit aller Macht gegen das Spießer-Idyll ihrer US-Kleinstadt auflehnt. Aber es umgibt sie eine Aura gesteigerter Emotionalität, Intensität, Sehnsucht nach Größerem – die es allemal seltsam erscheinen lässt, dass sie sich ausgerechnet einen prototypischen Proll wie Phil als Lover aussucht (und sich später von einem noch plumperen wandelnden Alpha-Klischee wie Detective Scieziesciez angezogen fühlt). Aber vielleicht ist es die Suche nach irgendeinem Halt, die sie da antreibt. Denn in ihrem Alltag, in ihrer Familie kann dieses gefühlige Wesen ihn offensichtlich nicht finden: Ihr Vater gibt den demütig-weichen Trottel, ihre frustrierte Mutter die launisch-herrische Bitch, die verbittert gegen ihr Älterwerden ankämpft und der Tochter ihre Jugend nicht gönnt (von Eva Green beängstigend glaubwürdig gespielt!). Vielleicht ist es aber auch doch nur ihre verspätet zum Ausbruch kommende Pubertät, ihr Drang nach Körperlichkeit und dem Ausleben ihrer erwachenden Sexualität, und ich hänge das hier eh alles zu hoch auf.

Wie auch immer es sein mag: Kats Leben ist auch mit Lover nach wie vor nicht erfüllend, zudem sucht er aus unerfindlichen Gründen zunehmend Distanz, und als wäre das alles nicht schon schlimm genug, kommt sie eines Tages nach Hause und ihre Mutter ist verschwunden. Aus heiterem Himmel. Spurlos. Wie ein weißer Vogel in einem Schneesturm. Kat versucht, das Mysterium zu lösen. Etwas über den Verbleib ihrer Mutter herauszufinden – hat sie die Familie verlassen, weil sie sie und ihr eigenes Dasein nicht mehr ertragen konnte? Ist sie zum Opfer eines Verbrechens geworden? Aber was auch immer Kat unternimmt, wo auch immer sie nach Hinweisen sucht: sie stößt nur auf ungeklärte Fragen. Nicht zuletzt über sich selbst und das Leben, das sie bislang gelebt hat. Ihre Mutter bleibt jedoch unauffindbar...

WHITE BIRD wird als Geschichte mit vielen Rückblenden erzählt – Jahre später kehrt Kat in den Semesterferien an ihren Heimatort zurück und lüftet Schritt für Schritt das Geheimnis um das, was einst passiert ist und ihr Leben für immer verändert hat. Allerdings ist auch ihre filmische Gegenwart für uns entfernte Vergangenheit, denn diese spielt in der ersten Hälfte der 90er-Jahre: Nostalgie begraben in Nostalgie also, wenn man so will. Dabei ist die tatsächliche Story, also das Aufklären der Hintergründe des Verschwindens von Kats Mutter, aber ohnehin in keiner Sekunde das, worum es bei diesem Film wirklich geht. Und auch die zeitliche Verortung dient nur als besonders tragfähiger Canvas, auf dem universelle Themen von Reifung, Selbständigkeit, Desillusionierung und Pragmatismus gezeichnet werden: WHITE BIRD ist Coming-of-Age in Reinkultur, das Zelebrieren jugendlicher Magie in einer Welt, die keinen Platz für sie hat; das Darstellen des Scheiterns unverstandener Träume an bitterkalter Realität, die sich hier unter der besonders schmierig-warm wirkenden Oberfläche der End-80er verbirgt.

Dabei geriert sich der Film erstaunlich zurückhaltend: Wer etwa nach KABOOM ein bonbonbuntes Schrägheitsszenario erwartet hat, wird hart enttäuscht werden, auch die Araki-typischen metrosexuellen Charaktere und die glamourhafte Sexualitätsinszenierung an sich spielen hier eine deutlich untergeordnete Rolle. Stattdessen geht es – bei allem bösen Humor gerade in der Darstellung der Figuren – insgesamt ernsthafter, melancholischer zu. Und derart magisch beseelt, dass man kaum genug davon bekommt: So traurig das Geschehen und seine letztlichen Konsequenzen auch sind – WHITE BIRD versetzt uns in eine liebevoll und dicht gestrickte Emotions-Welt, aus der man am liebsten gar nicht mehr auftauchen möchte.

Auch, wenn man den Mystery-Aspekt vollständig vernachlässigen kann, vielleicht sogar die komplette Handlung; auch, wenn es hier am Ende vielleicht nur um die Inszenierung eines Lebensgefühls von Verlorenheit und seltsam schöner Sinnlosigkeit geht: WHITE BIRD fesselt und verzaubert über seine gesamte Laufzeit. Betörte 7,5 Punkte – noch mehr hätte es wohl gegeben, wenn die faszinierend halluzinativen Traumsequenzen häufiger zum Einsatz gekommen wären, die den Filmtitel konkretisieren.
D.S.
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

15.09.2014, 17:04



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