crazy

Hyena

Kompromisslos, aber auch frustrierend

von ArthurA
Wenn Drive-Regisseur Nicolas Winding Refn in einem Film die Zukunft des Gangsterkinos sieht, dann macht das neugierig. Wird Hyena solchem Lob wirklich gerecht? Vielleicht nicht, doch es ist ein verdammt sehenswertes, kompromissloses Stück des berüchtigten britischen Krimigenres, das zuweilen aufgrund seiner brutalen Realität hart anzusehen ist. Der Schauplatz ist London, jedoch ist das weit fernab der touristischen Stadt, die viele aus Filmen oder von Postkarten kennen. Anstelle des Big Ben und des Piccadilly Circus landen wir in dreckigen Straßen und Hinterhöfen der britischen Hauptstadt, in schmuddeligen Discos und Stripclubs. Das ist der Lebensraum von Michael (Peter Ferdinando). Michael ist ein Polizist, er und seine Einheit räumen den Dreck der Stadt auf und sind dabei außerordentlich effizient, was Verhaftungsquoten angeht. Doch sie haben längst die Grenze zwischen Gut und Böse, zwischen Richtig und Falsch vergessen. Oder vielleicht kannten sie diese Grenze auch nie. Das erfahren wir nicht, denn der Film setzt sich nicht ausführlich mit der Vergangenheit auseinander, sondern mit dem Hier und Jetzt. Korruption, Koksexzesse (nicht unähnlich dem Eröffnungsfilm Kill Your Friends) und rücksichtslose Gewalt stehen für Michael und seine Kumpel an der Tagesordnung, doch weil sie die Uniformen tragen und Ergebnisse liefern, werden auch die Methoden nicht hinterfragt. Bis die Abteilung für innere Angelegenheiten auf den Plan tritt und Michael und seine Leute für alles zur Rechenschaft ziehen will - koste es, was es wolle. Als ob er damit noch nicht genug Probleme am Hals hätte, übernimmt eine albanische Gang, angeführt von zwei Brüdern, von denen einer aussieht wie ein dickerer Colin Farrell, die Herrschaft über die Unterwelt seines Viertels und dabei lassen sie nicht Worte, sondern Macheten sprechen. Das fragile Gleichgewicht gerät außer Kontrolle und angesichts der Brutalität der Albaner gegenüber einer jungen, versklavten Frau erwacht auch bei Michael der Beschützerinstinkt. Kann er sie und vor allem seine Seele retten oder ist es für beide zu spät?

Als ich eingangs den Film als "kompromisslos" bezeichnet habe, war das nicht bloß dahingesagt. Hyena ist nicht für Zartbesaitete und sicherlich auch nicht für den Massengeschmack. Wir sehen hier hässliche Menschen in hässlichen Situationen, die hässliche Dinge tun, und gerade, wenn man einen Hoffnungsschimmer am Horizont zu sehen glaubt, wird einem der Boden unter den Füßen weggezogen. Wer den typischen schwarzen Humor der Brit-Crime-Filme erwartet, wird enttäuscht. Hier ist alles todernst, bis auf einige fast schon surreale Momente der zugedröhnten Ausgelassenheit von Michaels Kollegen. Ansonsten bleibt der Ton sehr schwermütig, böse und bis an die Schmerzensgrenze deprimierend. Identifikationsfiguren bietet der Film keine und es ist auch nach Michaels Gewissensfindung nicht einfach, mit ihm zu sympathisieren. Doch Peter Ferdinandos vielschichtiges Spiel eines Mannes, der versucht Gutes zu tun, aber vielleicht gar nicht mehr weiß, wie es geht, macht "Bad Lieutenant" Michael zu einer faszinierenden Figur, während Elisa Lasowski Ariana, das Opfer der Albaner, mit großer Verletzlichkeit und tief sitzender Trauer spielt.

Es ist jedoch Gerard Johnsons Regie, die eine besondere Erwähnung verdient. Von der ersten neonbeleuchteten, nahezu wortlosen Szene im Film wird klar, dass Johnson eine besondere Vision für seinen Film hatte und es ist nicht schwer zu erkennen, wieso ausgerechnet Refn großen Gefallen daran fand. Es ist schwer, sich nicht in den blutigen Strudel des Films ziehen zu lassen, wenn man sich erst einmal darauf einlässt, doch gerade beim Filmende werden sich die Geister sehr scheiden. Manch einer wird es mutig nennen, doch viel häufiger wird man eher Adjektive wie "frustrierend" und "unbefriedigend" damit in Zusammenhang bringen. Tatsächlich hinterlässt das Finale einen bitteren Nachgeschmack bei dem ansonsten sehr fesselnden Film, doch irgendwie passt es auch zum Vorangegangenen. Hyena will sich in keine Nische und keine Schublade zwängen lassen, auch wenn es bedeutet, bei vielen Zuschauern anzuecken.
ArthurA
sah diesen Film im Residenz, Köln - Original-Review

26.08.2015, 03:45



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