von Fans für Fans

Reality

Reality is having a funny nightmare

von D.S.
Und wieder macht Quentin Dupieux alles anders, alles unberechenbar. Von seinem Plot her ist REALITY der wohl ungewöhnlichste, verwirrendste, am schwersten zu „verstehende“ Film, den er je gedreht hat. Und das will bei Vorgängern wie RUBBER oder WRONG schon etwas heißen. Gleichzeitig ist der Film aber an seiner Oberfläche, in der Inszenierung seiner Handlung der bei weitem „normalste“, ja wirkt oft geradezu konventionell.

Die offensichtlichen Dada-Momente sind bei REALITY stark zurückgefahren. Zwar gibt es auch hier wieder hochgradig absurde Figuren, Situationen und Dialoge – beispielsweise, wenn es ums Rauchen geht, um Hautkrankheiten oder den Verdauungsapparat von Wildschweinen. Mindestens genauso oft werden wir jedoch Zeuge durchaus nachvollziehbarer Unterhaltungen und Interaktionen etwa zwischen Eltern und Kind, Lehrerin und Schülern, Filmemacher in spe und Produzenten. Okay, die Inhalte dieser Unterhaltungen und Interaktionen driften dann doch meist wieder ins herrlich Bizarre ab. Dies wird aber in Lautstärke, Tempo und Grellheit nicht noch extra unterstrichen. REALITY gibt sich so – vergleichsweise – außerordentlich ruhig und entspannt.

Das ist wohl auch kein Zufall. Schließlich hat es den Anschein, als habe Dupieux hier ein ganz konkretes Ziel verfolgt: einen Film zu machen, der dem typischen Traum-Erleben so nahe wie nur möglich kommt.

Handlungsstränge und ihre Protagonisten verweben sich auf unmerkliche Weise miteinander, Perspektiven und Positionen verschieben sich hintergründig in einem fort und der Zuschauer verliert, nachdem er anfänglich in Sicherheit gewiegt wurde, nachhaltig den Zugriff auf die Logik der Erzählung. Subtil seltsame Dinge geschehen, gleiten in neue Zusammenhänge, präsentieren den Beobachter einer Szene schon in der nächsten als Beobachteten, der danach oder währenddessen über das Beobachten des Beobachtetwerdens reflektiert.

Ungefähr ab der Mitte des Films nehmen diese Verschiebungen immer größere, offensichtlichere Ausmaße an. Die Struktur der geradezu perfekt verschachtelten Handlung ist dann irgendwann absolut nicht mehr entschlüsselbar – versucht man es trotzdem, endet man mit garantiert verknotetem Kopf. Besser ist es, sich von der hypnotisch komponierten Erzählweise, die vom ebenso hypnotischen „Music with changing Parts“ von Philip Glass kongenial ergänzt wird, einfach gefangen nehmen und treiben zu lassen. Und fasziniert mitzuverfolgen, was es in diesem Multi-Level-Alptraum alles zu entdecken gibt.

Oberflächlich weit weniger fordernd als sonst, streckenweise wie ein ganz gewöhnlicher Film wirkend, dabei meist amüsant, manchmal ernsthaft daherkommend, entpuppt sich REALITY bei fortschreitender Laufzeit ultimativ als das bisher radikalste – und gelungenste – Experiment von Dupieux. Ein echter Traum von einem Film. 7,5 Punkte.
D.S.
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

27.08.2015, 01:37



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