von Fans für Fans

Deep in the Wood

Tiefschlag

von D.S.
Eingebettet in dichte, finstere Wälder bieten die kargen Bergdörfer Südtirols und des Trentino einiges fürs Auge. Fürs seelische Wohlbefinden können sie aber alles andere als förderlich sein, denn nur allzu oft ist die dortige Bevölkerung geprägt von tiefsitzender Abneigung gegen alles "Fremde" und von einer erstaunlichen Rauheit, die auch als Kälte und Hartherzigkeit wahrgenommen werden kann.

In einem solchen Klima wächst der kleine Tommi im Fassatal auf, und ein glücklicher Junge scheint er nicht zu sein – genauer erfahren werden wir das allerdings nicht, denn schon in den ersten Minuten des Films verschwindet er spurlos; von seinem alkoholisierten Vater bei einem Krampusfest fortgescheucht und alleine, verängstigt auf dem Heimweg durch die dunkle Nacht.

In einem rasanten Zusammenschnitt aus Nachrichtenmeldungen vermittelt uns DEEP IN THE WOOD den unmittelbaren Fortgang der Geschehnisse: Der Junge bleibt verschwunden, die Dorfgemeinschaft verdächtigt den – böse, böse – zugezogenen Vater, der wird verhaftet, aber aus Mangel an Beweisen wieder laufengelassen... und fünf Jahre später ist man immer noch nicht weiter. Da entdecken Bauarbeiter in einem verlassenen Zigeunerlager in der nächstgelegenen Großstadt einen Jungen ohne Papiere, ohne Erinnerung. Der vom ermittelnden Kommissar Hannes in Auftrag gegebene DNA-Test ist eindeutig: Es handelt sich um Tommi. Bei seinen Eltern herrscht zunächst natürlich – bewegend gespielte – Ergriffenheit und schiere Freude vor, bald jedoch mehren sich die Zeichen, dass irgendetwas hier nicht ganz in Ordnung sein kann. Der Junge reagiert abweisend bis aggressiv auf die ihm entgegengebrachte Zuneigung, der Familienhund seinerseits offen feindselig auf den Heimkehrer. Und tatsächlich entpuppt sich der Junge bald als Bedrohung: für den Dorffrieden, dessen trügerische Fassade tiefe Risse offenbart...

DEEP IN THE WOOD wurde von Sky fürs italienische Fernsehen produziert und ist im Kern mehr bitteres Familiendrama als alles andere. Abgesehen von den beeindrucken Bergpanoramen erreicht er aber auch in seiner Inszenierung eine gewisse Wucht und lässt ob der düsteren Hintergründe, die hier aufgedeckt werden, mitunter schwer schlucken - die Vernachlässigung von Kindern und was sie mit ihnen anrichten kann, wird einem eindringlich vor Augen geführt und lässt mitleiden.

Atmosphärisch ist das Ganze entsprechend bedrückend gehalten, wozu insbesondere auch der Horrorfilm-Score beiträgt. Storyseitig warten zudem einige Überraschungen aufs Publikum.

Mehr als 6 Punkte gibt es von mir dennoch nicht, da in der Auflösung und ihren Konsequenzen zu viel Potential verschenkt wird und dem Jungen selbst in der zweiten Filmhälfte bizarrerweise nicht ausreichend Aufmerksamkeit gewidmet wird. Hier steht dann das Verhältnis der Eltern zueinander für meinen Geschmack zu sehr im Vordergrund. Trotzdem: sehenswert.
D.S.
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

03.09.2016, 04:29



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