von Fans für Fans

Kidnap Capital

Welcome to the USA

von D.S.
Die Verschleppung tausender illegaler Immigranten aus Mittelamerika durch professionell organisierte Banden in sogenannte "Drop Houses" überall in Städten wie Phoenix, Arizona ist ein schmutziges Thema. Eher keins für einen Hollywoodfilm – schon gar nicht, wie im FFF-Programmheft bereits erwähnt, wenn nicht etwa vom Staat geschickte Rettungstruppen im Zentrum der Handlung stehen. Tatsächlich fokussiert sich die kanadische Produktion KIDNAP CAPITAL ausschließlich auf die Perspektive der Betroffenen, und zwar aus extremer Innensicht: Wir sind hier ganz nah dran am Leiden einer Gruppe Entführter, sind mit ihnen auf engstem Raum gefangen und den perfiden Drohungen und Gewalttaten der cholerisch aggressiven Kriminellen ausgesetzt.

Wenngleich wir uns also weit weg von strahlenden Helden, Glamour und SFX-Magie befinden, lehnt sich das Debüt von Felipe Rodriguez in mancher Hinsicht doch stark an typische Hollywood-Muster an. Vor allem betrifft das die Figurenzeichnung: unterschiedliche Facetten einer Persönlichkeit werden hier (mit einer Ausnahme) keiner Figur zugebilligt, Täter wie Opfer entsprechen Archetypen und machen auch keinerlei Wandlung. Entsprechend fällt es schwer, die Protagonisten als authentisch wahrzunehmen, was wiederum dazu führt, dass der Film sich eben – seinem deprimierenden Inhalt und seinem rauen Look & Feel zum Trotz – in allererster Linie doch mehr wie ein Film anfühlt, weniger wie eine realistische Darstellung unmenschlicher Zustände. Darüber entsteht beim Zuschauer eine gewisse Distanz, die der aufwühlenden Kraft seiner Thematik ein ganzes Stück weit im Wege steht.

Das beste Beispiel ist die Hauptfigur, die uns als aufopferungsvoller Ritter ohne Fehl und Tadel nahegebracht wird und im Höhepunkt dann auch noch eine gestelzt-pathetische Rede hält, die glatt von Martin Luther King hätte stammen können. Sorry, aber das ist nichts anderes als (Hollywood-) Kitsch.

Einigermaßen packend erzählt ist KIDNAP CAPITAL ansonsten aber schon, und die gezeigte Hoffnungslosigkeit und Unmenschlichkeit macht unweigerlich betroffen. Mehr als 6 Punkte sind aufgrund der genannten Schwächen für mich nicht drin, trotzdem kann ich eine Sichtung ohne schlechtes Gewissen jedem empfehlen.
D.S.
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

06.09.2016, 01:59



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