von Fans für Fans

The Eyes of My Mother

Traumatisierend

von D.S.
Passiert nicht allzu oft, dass das fast ausverkaufte Festivalkino komplett so gebannt an der Leinwand hängt, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte – dass sogar die Splädda-Kiddies mucksmäuschenstill sind, obwohl uns doch oberflächlich nur stilisierter Arthouse-Scheiß gezeigt wird, langsam, ruhig, und das auch noch in Schwarz-Weiß. THE EYES OF MY MOTHER hat aber genau das geschafft und fast durchweg für extreme Begeisterung im Publikum gesorgt. Indem er seinen ästhetischen Anspruch mit grausamem Inhalt verbindet, ein regelrechtes Kunstwerk des Bösen vor unseren Augen malt.

Irgendwo zwischen Bergman und Lynch bietet dieses Kunstwerk eine atemberaubende Bildkomposition, die mit scharfen Schatten, klaren Linien sowie oft monumentalen Groß- wie Weitwinkelaufnahmen arbeitet und uns darüber die scheinbar alltägliche Hülle eines einsam gelegenen Landhauses als Brutstätte des unschuldig Bösen präsentiert. Ein Böses, das vor allem durch die Beiläufigkeit des Tötens irritiert, durch die komplette Verdrehung von Moral durch einen Mangel an vorgelebten "richtigen" Maßstäben. Auch die Tongestaltung ist einzigartig effektiv, mit ihrer Verbindung aus düsterem Score, melancholischen Fado-Klängen und der oftmals kommentierenden Tonspur aus dem im Off laufenden TV-Gerät, das fast ununterbrochen Western- und Crime-Klassiker zeigt.

Der gerade einmal 26 Jahre alte Regiedebütant Nicolas Pesce legt hier eine Kunstfertigkeit an den Tag, der man nicht allzu oft begegnet und die der nihilistisch gestimmten Handlung außergewöhnliche Intensität verleiht. THE EYES OF MY MOTHER ist ein großer Film, der hypnotische Sogkraft entwickelt. Eigentlich kaum zu bewerten; aufgrund leicht anders gelagerter persönlicher Präferenzen vergebe ich "nur" 7,5 Punkte, es handelt sich hierbei aber definitiv um Pflichtprogramm.
D.S.
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

06.09.2016, 04:47



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