von Fans für Fans

Kidnap Capital

Harter Tobak

von ArthurA
Kidnap Capital ist vermutlich der ultimative Feel-Bad-Film des Festivals und zugleich auch die erste richtige Überraschung, die ich dieses Jahr gesehen habe. Dass Filme mit dem Mythos der USA als Paradies und Land der unbegrenzten Möglichkeiten ordentlich aufräumen, ist heutzutage natürlich nichts Neues, doch die Perspektive der illegalen Einwanderer, die bereit sind, alles aufzugeben, ihr Leben hinter sich zu lassen, um in eine ungewisse, aber hoffentlich bessere Zukunft zu ziehen, nehmen Filme immer noch nicht häufig an und gerade in unserer Zeit (und auch hier in Europa) ist das Thema aktueller denn je. Doch der Film beschäftigt sich weniger mit den gesamtpolitischen Fragen der Flüchtlingsthematik und bleibt stattdessen nah an seinen leidgeplagten Protagonisten und dem Phänomen der "Drop Houses" - Häusern, in denen die illegalen Immigranten festgehalten werden, bis ihre Verwandten oder Freunde sie freikaufen können. Es ist ein besonders perfides Geschäft, denn die Opfer sind verzweifelte Menschen in einem fremden Land, das sie nicht willkommen heißt. "Ich könnte dich töten, deine Leiche auf die Straße werfen und niemand würde je erfahren, wer du bist", droht einer der Entführer Manolo und erfasst damit die schreckliche Sachlage. Eine Texteinblendung zu Filmbeginn informiert uns, dass etwa 1000 solcher nach außen hin unscheinbarer Häuser in Phoenix in Betrieb sind, was der Stadt den titelgebenden Beinamen Kidnap Capital einbrachte. Hier geht es um hohe Geldsummen und für die Entführer sind ihre Opfer bloß Ware. Wenn man sie nicht verkaufen kann, dann wird sie eben entsorgt.

Falls es noch nicht klar ist: Kidnap Capital ist harter Tobak und obwohl man nur wenig über die Protagonisten erfährt, fühlt man dennoch sehr mit ihnen mit, wenn man sieht, wie ihre Träume von einem besseren Leben in diesem Keller endgültig zerbrechen. Kontrastiert werden die Szenen im Haus gelegentlich mit denen der perfekten Suburbia, wo die All-American Nachbarn des Hausbesitzers und Haupt-Entführers ihn und seine Frau zum Barbecue einladen, ohne zu ahnen, welche Schrecken sich nur wenige Meter von ihnen entfernt abspielen. Schade ist nur, dass die Entführer in dem Film sehr eindimensional dargestellt werden, womit man die Gelegenheit verpasst, der Komplexität der gesamten Situation gerecht zu werden, denn vermutlich ist diese Beschäftigung auch nicht für jeden der Täter der Traumberuf schlechthin.
ArthurA
sah diesen Film im Residenz, Köln - Original-Review

09.09.2016, 03:08



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