von Fans für Fans

Carnage Park

California Screaming

von D.S.
Wer CARNAGE PARK auf ein bloßes Tarantino-Ripoff reduziert, tut ihm extrem unrecht – und hat den Saal vermutlich nach den ersten 20 Minuten bereits verlassen. Nach seinem ersten Akt nämlich, der tatsächlich – aus nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen – versucht, sein glorreiches 70s-Flair mit postmodernen, auf hip getunten Stilmitteln und non-linearer Erzählweise zu kreuzen, ändert der Film radikal seinen Charakter. Er wird zu einem lupenrein ernsthaft und böse gestimmten Exploitationer, der in Setting und Set-Design natürlich immer wieder an die großen Vorbilder seiner Handlungsepoche erinnert – namentlich vor allem THE HILLS HAVE EYES und TCM 2. Der dabei aber doch einen eigenständigen Charakter und vor allem eine dichte, bedrohliche Atmosphäre entwickelt.

Dabei ist auch die Eröffnung alles andere als schlecht geraten, sie stürzt uns in hohem Tempo mitten ins Geschehen und präsentiert die archetypische Ausgangssituation – zwei Bankräuber, einer davon mit Bauchschuss, auf der Flucht vor der Polizei – auf eine Weise, die Aufmerksamkeit garantiert und auch im Mitternachtsslot wach macht. Mit ihrem überzeichnet "coolen" Protagonisten, mit megalässigen Dialogen und ihrem theatralischen Pulp-Gestus passt sie jedoch überhaupt nicht zum nägelbeißenden Horrorthriller, der folgt.

Die von den Gangstern als Geisel mitgenommene Vivian (Ashley Bell, THE LAST EXORCISM) findet sich im kalifornischen Ödland nämlich bald als Zielscheibe eines psychopathischen Kriegsveteranen wieder, der fanatisch gerne auf Menschenjagd geht. Und neue Ausstattungsstücke für seinen "Carnage Park" sammelt. Ihm zu entkommen, gestaltet sich nicht ganz einfach und zwingt unsere Heldin, völlig ungeahnte Seiten an sich zu entdecken...

Während der "Hunter Killer" ein Genre-Maniac-typisches Abziehbild bleibt und gar nicht so viel Gelegenheit erhält, uns seinen Wahn von Angesicht zu Angesicht näherzubringen, macht die Figur der Vivian eine bemerkenswerte Entwicklung durch und beeindruckt mit ihrem Überlebenswillen. Insbesondere auch, da sie hervorragend gespielt ist: eine der stärksten Frauenfiguren beim diesjährigen FFF.

Vom "Carnage Park" selbst hätte ich zwar gerne etwas mehr gesehen, dafür fand ich das Finale, bei dem man ausgesprochen wenig sieht, jedoch umso mehr fühlt, grandios intensiv. Etwas Ähnliches hatte Rob Zombie vermutlich bei HOUSE OF 1000 CORPSES erzielen wollen, dessen gewollt überdreht-abgefahrenen Bemühungen ist CARNAGE PARK allerdings haushoch überlegen. Denn die staubtrockene Ernsthaftigkeit verleiht dem Geschehen im Herzen des Wahnsinns hier eine fiebrige Bedrohlichkeit, die, unterstützt von einem pulstreibenden Score und einem fantasieanregenden Sounddesign, bis zuletzt atemlos an die Leinwand fesselt.

Zwar weist der Film im Mittelteil ein paar Längen auf und ist in keiner Hinsicht innovativ. Er erweckt die Atmosphäre des 70er-Hardcore-Genrekinos jedoch so souverän wieder zum Leben wie lange nichts mehr – mit erheblich gesteigertem, modernisiertem Terrorfaktor. Ein Bastard aus Peckinpah, Hooper und den Produktionen von Brad Miska: packend, hart und böse. 6,5 Punkte.
D.S.
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

09.09.2016, 04:01



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