crazy

We Go On

Nichts Halbes und nichts Ganzes

von D.S.
Auch, wenn ich damit wohl in der Minderheit bin: Mir hat YELLOWBRICKROAD, der Vorgängerfilm der beiden Regisseure von WE GO ON, mit seiner bizarren Storyidee und seinem verstörenden Sounddesign wirklich gut gefallen. Abgesehen vom Hauptdarsteller weist ihr neues Werk jedoch keinerlei Ähnlichkeit mit jenem auf, ist ein wesentlich bodenständigerer, ruhigerer und nachdenklicherer Film – der sich zunächst als Komödie, dann als Horrorfilm, schließlich jedoch vor allem als Drama mit psychotischen Untertönen positioniert.

Für mich war seine erste Hälfte dabei die deutlich stärkere: Wie es der von unzähligen Angst-Psychosen getriebene Miles auf der Suche nach einem Beweis für ein Leben nach dem Tod mit unterschiedlichsten Spinnern und Betrügern zu tun bekommt, wie diese unter tatkräftiger Mithilfe seiner resoluten Mutter enttarnt werden – das ist unglaublich unterhaltsam in Szene gesetzt und sorgt für zahlreiche Lacher, sowohl ob der Dreistigkeit der Faker als auch der trockenen Reaktionen von Miles’ Mutter.

Als seine Suche dann schließlich einer Antwort näher kommt, als er es sich hätte wünschen sollen, variiert WE GO ON zwar zunächst in erster Linie nur Motive, die wir bereits aus Filmen wie ODD THOMAS oder dem unvergesslichen THE FRIGHTENERS kennen, wenn auch in düstererem Tonfall. Er kann dabei jedoch mehrfach überraschen und auch durch effektive Schockmomente punkten. Spätestens in seinem letzten Drittel kippt der Film jedoch vom Grusel zusehends in eine bemüht ernsthafte Diskussion von Fragen nach dem Sinn des Lebens, dem Umgang mit dem Tod, Verlust und seinen inneren Dämonen. Das tut ihm in meinen Augen nicht gut, denn für echten Tiefgang fehlen neue Gedanken oder Blickwinkel; der Billig-Look, die mäßigen Darstellerleistungen und vor allem die eher auf trashigen Humor gepolte Einführung von Figuren und Handlung beschädigen jede potentielle Ernsthaftigkeit schon im Voraus fundamental.

Zunächst reichlich Tempo, Sarkasmus und skurrile Situationen, dann ein kurzer Abstecher in beklemmenden Horror, dann bloß noch bleierne, schwachbrüstige Ernsthaftigkeit bei nur geringem Handlungsfortschritt: Kein rundes Paket, das mich am Ende vor allem gelangweilt hat und darum nur der interessanten Grundidee und des Indie-Flairs wegen 5,5 Punkte wert ist. Schade, wäre mehr drin gewesen. Aber dazu hätte man sich für einen Film entscheiden müssen statt für zwei oder drei. Am besten für den ersten. Der kann nämlich wirklich furios unterhalten.
D.S.
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

11.09.2016, 05:32



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