Train to Busan

Klischees on a Train

von D.S.
Familienunterhaltung auf Koreanisch: TRAIN TO BUSAN ist ein wirklich schön anzuschauender, wirklich spannend erzählter Zombiefilm der vollständig auf Nummer sicher gehenden Sorte. Dabei handelt es sich hier ohne Frage um einen extrem souverän inszenierten Film – durchaus erstaunlich bei einem Regisseur, der zuvor nur Animationsfilme umgesetzt hatte. Die Zugfahrt einer Reihe unterschiedlicher Charaktere aus Seoul Richtung Busan, die zum rasenden Versuch einer Flucht vor einer um sich greifenden Zombie-Epidemie wird, weist dabei bestenfalls einen losen Bezug zum Zeichentrick-Vorgänger SEOUL STATION auf: Die dort geschilderten Geschehnisse werden hier von den Fahrgästen im Zug in Nachrichtenzusammenfassungen auf TV-Monitoren gesehen. Zum Sequel jenes Films macht das TRAIN TO BUSAN aber nicht wirklich: Die Eröffnung des Films spielt in einem Seoul, in dem noch weitestgehend Alltag herrscht; es sind noch keine Viertel der Stadt abgeriegelt und den Zombies überlassen worden, tatsächlich weiß in der Öffentlichkeit sogar noch überhaupt niemand etwas von Zombie-Attacken.

Entsprechend lernen wir zwei der zentralen Charaktere in einer für sie ganz gewöhnlichen Situation kennen: Seok-woo, ein skrupelloser Fondsmanager, ist vollkommen von seinem Job eingenommen, seine kleine Tochter Su-an leidet unter seiner mangelnden Aufmerksamkeit. Sogar ihr furchtbar schiefes Vorsingen bei einer Schulaufführung hat er verpasst. Grund mehr für sie, auf einem besonderen Geburtstagswunsch zu beharren: Sie will ihre von ihm getrennt lebende Mutter in Busan besuchen. Nach einigem dramatisch angemalten Hin-und-Her über Vaterliebe erklärt sich Seok-woo schließlich bereit, gemeinsam mit ihr in den Zug zu steigen und sie bei ihrer Mutter abzuliefern.

Dankenswerterweise war es das dann auch mit der Exposition: Sekunden, bevor das Schienengefährt Seoul Station verlässt, springt eine offensichtlich kurz vor der Verwandlung stehende Infizierte hinein. Der Zug setzt sich in Bewegung, der Bahnhof wird von Untoten überrannt, und wir sind auf dem Weg... hinein in ein äußerst kurzweilig, stets tempo- und spannungsreich gehaltenes Zombieabenteuer, das sich jedoch große Mühe gibt, niemanden vor den Kopf zu stoßen und deshalb sowohl auf jede innovative Story- oder Narrationsidee als auch auf alle Ecken und Kanten, jede Radikalität verzichtet. So ist es schon einmal sehr auffällig, wie wenig wir hier an Gore und Splatter geboten bekommen – verdammt, im ganzen Film segnet kein einziger Zombie das Zeitliche. Zwar gibt es zahlreiche Konfrontationen von Lebenden mit Untoten, und es wird mit Kräften mit Baseballschlägern und anderen Utensilien auf Zombieköpfe eingeschlagen, aber zur angemessenen SFX-Erfüllung führt das nie.

Und auch ansonsten wählt TRAIN TO BUSAN stets den massenkompatiblen Weg: Er positioniert Gut und Böse, Richtig und Falsch von Anfang an so überdeutlich, dass es schon plump wirkt. Da ist der erwähnte Vater, der nicht genug für seine Tochter da ist; der herzensgute Obdachlose; der eiskalt egoistische Geschäftsmann. Es reicht übrigens noch nicht, die Tochter als süßes kleines, unschuldiges Kind zu zeichnen: Sie muss als Verkörperung des moralisch Einwandfreien auch noch einer alten Dame ihren Sitzplatz anbieten, damit auch der Letzte begreift, dass Nächstenliebe das einzig Wahre ist.

Nun geben sich Zombiefilme ja schon spätestens seit Romero gerne mal als kaum verklausulierter soziopolitischer Kommentar. Und ganz so direkt wie SEOUL STATION äußert sich TRAIN TO BUSAN nicht. Aber fast. Der Holzhammer, der uns die fatalen Folgen von Egoismus vermittelt, wird jedenfalls auch hier mit Verve geschwungen. Noble Selbstaufopferung oder niederträchtige Selbstsucht – etwas anderes gibt es nicht. Ergänzt von regelmäßigen langen Großaufnahmen ernster, betroffener oder gar lautstark heulender Gesichter, die von rührseligen Streicher- und Pianoklängen untermalt werden, wird der Film zum besten Beweis dafür, dass Hollywood in Sachen Kitsch längst nicht mehr der ultimative Maßstab ist.

Die Story und alle ihre Charaktere kann man deshalb meiner Meinung nach komplett vergessen. Dass TRAIN TO BUSAN trotzdem ordentlich punkten kann, liegt neben seinem Tempo, dem fast ohne Atempause voranschreitenden Geschehen, zum einen an seinem Setting. Die zylinderförmige, extrem beschränkte Umgebung, durch die sich Menschen und Zombies kontinuierlich nach vorne kämpfen, ist vergleichsweise ungewöhnlich – und weckt natürlich immer wieder Erinnerungen an SNOWPIERCER. Zum anderen sind da die hochklassigen Produktionswerte. Man sieht dem Film an, dass er sicher nicht billig war, und vor allem im letzten Drittel sind auch einige sehr interessante visuelle Ideen zu goutieren.

Das Zombie-Design ist dabei allerdings nur mäßig. Wenn sich die Infizierten wie eine Flutwelle über Hindernisse ergießen, erinnern die "Zombie-Haufen" unabdingbar stark an WORLD WAR Z. In ihrer schieren aggressiven Masse entwickeln sie durchaus einiges an Bedrohlichkeit – sieht man sich die Gestalten aber im Einzelnen an, wirkt das Make-up nur manchmal beeindruckend, das Overacting dagegen häufig beschämend. Von einigen Korea-typischen Albernheiten im Verhalten der menschlichen Protagonisten ganz zu schweigen. Ebenso wie von dem nicht neuen, hier aber mal wieder sehr ins Auge fallenden Problem, dass manche Figuren nach einem Untoten-Biss nur Sekunden brauchen, um selbst zu einem brutal blutrünstigen Monster zu werden, andere aber noch minutenlang ihre menschliche Seite ohne jede Beeinträchtigung ausspielen können.

Vermutlich klingt vieles in diesem Review nach einer deutlich schlechteren Bewertung als ich sie vergeben werde. Nicht falsch verstehen: TRAIN TO BUSAN ist einer der fesselndsten, am besten inszenierten Zombiefilme der jüngeren Vergangenheit. Er ist durchgehend spannend, langweilt nie. Er hat nur leider keinerlei Innovation zu bieten, dafür eine Menge Kitsch und holzschnittartige, maximal eindimensionale Figurenzeichnung sowie den vielleicht dicksten Zeigefinger seit Jahren.

Deshalb verwundern mich die vielen rein euphorischen Bewertungen schon ein bisschen. Denn am Ende ist TRAIN TO BUSAN nichts anderes als glattes, simpel gestricktes Mainstream-Kino mit platten Charakteren und einer viel zu eindeutig gehaltenen Botschaft. Nichts Neues am Horizont, kein Vergleich etwa mit einem Werk wie THE GIRL WITH ALL THE GIFTS. Zombies für die Massen: Gut gemacht, aber ohne bleibenden Wert und mit sehr viel Kitsch. Spannend, aber brav und sehr simpel gestrickt – knappe 7 Punkte.
D.S.
sah diesen Film im Cinestar, Frankfurt

12.09.2016, 16:52



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