von Fans für Fans

Sweet, Sweet Lonely Girl

Retro Gothic Coming-of-Age Psycho Drama

von Frank
Mit SWEET, SWEET LONELY GIRL serviert uns Regisseur A.D.Calvo einen mysteriösen Gothic-Grusel Comic-of-Age Psycho-Drama Mix. Die Bezeichnung Thriller findet hier bei mir wenig Anklang.

Das Setting: Ein altes, abgelegenes Haus in englischer Kleinstadt, eine unheimliche Tante mit Agoraphobie, ein Friedhof sowie abgelegene Orte in der Natur.

Thematisch finden sich Bezüge zur Sexualität, Pharmazeutika (deren Funktion mit nicht ganz klar wurde) und zum Aging Prozess. Es geht darum sich zu entdecken, um (Selbst-) Bewusstsein und (Selbst-) Vertrauen.

Das Programmheft verweist als Inspirationsquelle auf MARIO BAVA'S BLACK SABBATH. Im anschließenden Q & A nennt Calvo daraus das Segment A DROP OF WATER. Auch der Film BURNT OFFERINGS - LANDHAUS DER TOTEN SEELEN (den ich nicht kenne) wurde als atmosphärisches Vorbild genannt.

SWEET, SWEET LONELY GIRL (SSLG) ist jedoch visuell ein ganzes Stück entfernt von den kräftigen Farben Mario Bava's oder den starken Kontrasten seiner s/w Filme. (Kürzlich habe ich neben einigen anderen Gialli und Gothic Gruslern einige Mario Bava Filme gesehen, BLACK SABBATH leider nicht wiederholt.) Der Film fühlt sich kühl an. Er ist in naturalistische Farben und blasse Pastelltöne gekleidet und unterstreicht damit seinen emotional trist-melancholischen, betagten Grundton. Analog hierzu passt auch das Setting in ungemütlich kalter, herbstlicher Landschaft, welches den melancholischen Charakter des Films als auch im Verlauf Adele's Einsamkeit unterstreicht. Seine (Farb-) Stimmung erinnert mich gerade eher an die von LOVE ETERNAL, allerdings mit noch eingeschränkterem Spektrum. Er ist auch kein so großer Downer.

Im Q & A bestätigt uns Calvo seine Abneigung gegen extreme Farbintensität. Er habe bewusst naturalistische Farben gewählt da er dies einfach gern möge. Wie er uns weiterhin freudig erzählt, haben sie eine Linse aus den 70er Jahren verwendet um den Look jener Zeit zu erreichen. Die würden nicht ein so überschärftes Bild erzeugen und das Licht hätte weniger Reflexionen, wäre weicher oder so ähnlich. (Sinngemäße Wiedergabe, seine genauen Worte weiß ich nicht mehr).

Das funktioniert visuell auch ganz gut, aber schon die erste Bildeinstellung fühlt sich eben doch eher nach Retro an. Allein die Zeitperiode, die Tatsache das der Film Anfang der 80er Jahre angesiedelt ist, macht es mir schwer ältere Klassiker als Vergleich heranzuziehen und setzt ihn -neutral gemeint- von etwaigen Vorbildern ab.

Doch schauen wir mal weiter.

Schnell entpuppt sich SSLG als einer dieser atmosphärischen, langsamen Filme mit leisen Tönen wie es sie heute deutlich weniger gibt. Wer das nicht mag braucht sich den Film nicht anzuschauen zumal er dem Genre, soweit ich das beurteilen kann, auch nichts Entscheidendes hinzufügt. (Oder überhaupt etwas?)

Auch der von Frauenfiguren getragene Minimalplot erinnert an ältere Zeiten. Da ist Adelé, unsicher, nicht wirklich im Hier und Jetzt, die sich um ihre Tante kümmern soll und in der Kleinstadt auf Beth trifft. Schon die Tatsache das sie ständig Walkman hört kann man als Zeichen auf ihre mangelnde Verortung in der Realität deuten, doch es gibt weitere Hinweise für eine verzerrte Wahrnehmung, vermutlich ein wichtiger Punkt zum Verständnis des Films. Hauptdarstellerin ERIN WILHELMI erinnerte mich an die Sommersprossenlose, weniger kantige Variante der jungen Sissy Spacek (CARRIE, BADLANDS) und an die hinter Schüchternheit versteckte Keckheit von Apple Darstellerin Laurence Leboeuf aus TURBO KID, so dass man sie einfach mögen muss. (So gab sie sich dann auch im Q & A.)

Beth hingegen, von Quinn Shephard verkörpert, ist ganz anders der selbstbewusst coole Typ, der sich von niemandem etwas sagen lässt. Lasziv, mit verführerisch-mysteriöser Aura wirkt sie wie aus einer anderen Zeitperiode, ja mitunter wie aus einem anderen Film, was der Begegnung zwischen den beiden eine irritierende Komponente hinzufügt, eine leicht unheimliche Aura verleiht und ihre Figur ein bisschen zu einer Art Femme Fatale macht, so scheint es. Die Schauspielleistungen und die Chemie zwischen den Hauptdarstellerinnen gefielen mir.

Der Film bleibt auf Handlungsebene ohne große Impulse lange bei seinen Psycho-dramatischen Coming-of-Age Elementen. Ja er verweilt lange Zeit dermaßen moody in seiner Atmosphäre, das er dem Zuschauer trotz kurzer 76 Minuten ein wenig Geduld abverlangt und sich mir leider der Gedanke aufdrängte das Ganze sei irgendwie pointless. Mir kam Peter Strickland's DUKE OF BURGUNDY in den Sinn wo ich das letzte Mal dieses pointless Gefühl hatte. Er zielt erzählerisch jedoch in eine andere Richtung, obgleich es thematisch leichte Überschneidungen gibt. SSLG hat auch nicht dessen ästhetischen Anspruch und Qualitätsniveau. Insofern kann ich nachvollziehen wenn jemand geneigt ist, -wie es hier im Forum zu lesen war- es früh als belangloses Girlie Drama abzutun. Auch wenn er sicherlich mehr ist als das, ist es schade, das sich dieses Gefühl einstellte.

Für mich war das auch insofern frustrierend, als das die Musik nicht mein Fall war. Ich war überrascht zu hören welche Interpreten dabei waren: Blue Öyster Cult mit Don't fear the Reaper (gefällt mir), The Commodores, Rod Stewart. Die Zeit (70er-80) hat so viel schöne Musik zu bieten aber diese! Auswahl.., die meisten Songs fand ich langweilig und sagten mir nicht zu.

Es ist übrigens schlicht falsch, das der Soundtrack morbide ist (Aussage Programmheft). Die verwendeten Sounds - Soundfetzen und Collagen, welche effektiv waren, sind irritierend, verstörend und morbid, der eigentliche Soundtrack ist 70er Pop/Soul/Folk/Rock. Ich muss zugeben, es gab Momente, da hätte ich am liebsten selbst Walkman gehört. Der Grad ist also schmal zwischen einem gelungenem atmosphärischem Werk und einem Style over Substance Film.

Dankenswerterweise liefert SSLG Kameratechnisch die klassischen Stilmittel für die das Genre bekannt ist: Untersicht auf Personen oder Objekte, Zoom Einsatz, wenige aber effektive Jump Scares sowie verschwommene Objekte. Später dann - in einer längeren wichtigen Sequenz (die mir im Gegensatz zu vielen anderen sehr zusagte) - sind auch die Schnitte schneller.

Mir war er gefühlt zu langatmig und so richtig Spaß gemacht hat er mir leider trotz einiger beeindruckender Sequenzen und der genannten positiven Merkmale nicht, was sehr an der Musik lag.

Wer langsame Mood-Filme mag und wem es gefällt hinter dem geisterhaft-super natürlichem eine plausible Erklärung zu suchen, dem ist der Film dennoch durchaus zu empfehlen. Man ist evtl. gut beraten nicht zu viel zu erwarten - ist eh immer eine gute Voraussetzung. Obwohl ich mittlerweile relativ neutral in Filme unbekannten Terrains oder mir nicht bekannter Regisseure gehe, war ich trotzdem ein bisschen enttäuscht. Der Frust lag weniger darin das der Film für mich nicht die herbei beschworenen Hoffnungen des Programmheftes erfüllte, sondern vielmehr in der Erkenntnis, wie viel die alten Meister dieses speziellen Genre Crossover doch geleistet haben und wie schwer es offenbar ist ihnen nachzueifern, daran anzuknüpfen oder ebenbürtig zu sein.

Soweit mir bekannt ist, hat der Film noch keinen Verleih.
Insgesamt Mittelmaß, was bei mir eigentlich immer 5,5 Pkt. sind. In dieser Bewertungsskala sind es offenbar 5.
Frank
sah diesen Film im Savoy, Hamburg

27.04.2017, 17:50



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